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10. Ein gut gefüllter "Werkzeugkasten"

Der rasanten technischen Entwicklung sei Dank


Ob nun stark sehbehindert oder blind – irgendwie muss man den Alltag bewältigen. Wenn der rechte Arm infolge einer schweren Verletzung nicht benutzt werden kann, muss man schließlich auch lernen, über die Runden zu kommen, wenn auch zum Glück nur für einen überschaubaren Zeitraum.

Neben speziellen Trainings für Orientierung und Mobilität sowie für Lebenspraktische Fähigkeiten gibt es, wie im Laufe dieser Serie zu erfahren war, eine Reihe von kleinen und großen Hilfsmitteln. Tastbare Messhilfen oder Geldscheinprüfer gehören zu den einfachen Helfern im Alltag, ebenso wie sprechende Uhren oder Personenwaagen.

Jedoch hat die rasante technische Entwicklung der letzten 40 Jahre wesentlich dazu beigetragen, dass die Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen an der digitalen Welt entscheidend erweitert wurde.

Mit spezieller Software ist es möglich, Texte durch synthetische Sprache vorlesen zu lassen und durch Anschluss eines Braille-Displays in tastbarer Brailleschrift wiederzugeben.

Wer noch über ein verwertbares Sehvermögen verfügt, findet für Computer und Smartphone vergrößernde Hilfen vor. Es sind aber auch Bildschirm-Lesegeräte auf dem Markt, mit deren Hilfe auf Papier gedruckte Informationen um ein Vielfaches vergrößert dargestellt und somit leichter gelesen werden können. Das erlaubt bei entsprechendem Restsehvermögen auch die Nutzung von Stadtplänen oder anderen grafischen Informationen, die blinden Menschen nicht zugänglich sind. Es gibt sogar Lesegeräte, die beides ermöglichen: Eine starke Vergrößerung inklusive Anpassung von Kontrasten und alternativ die Wiedergabe von Texten mittels Sprachausgabe.

Technik im Wandel

Während noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein gedrucktes Buch für blinde Lesehungrige ein solches mit den sprichwörtlichen sieben Siegeln war, erfuhr die schriftliche Erschließung von Literatur in den darauffolgenden Jahren eine geradezu revolutionäre Wandlung: Zunächst waren es Scanner und Programme, die gedruckte Schrift in digital lesbare Zeichen umsetzten. Heute werden viele Bücher neben der Druckausgabe auch noch als eBook angeboten – ein Format, das auch blinden Menschen zugänglich ist. Denn sowohl Computer als auch Smartphones sind mit einem Spezialprogramm ausgestattet, mit dessen Hilfe Text in synthetischer Sprache wiedergegeben werden kann. Darüber hinaus kann ein Braille-Display mit Computer oder Smartphone verbunden werden. So können Texte auch in Braille-Schrift gelesen werden. Das kann man sich wie eine Art zusätzlichen Bildschirm vorstellen, auf dem der Text in tastbaren Braille-Punkten dargestellt wird.

Damals wurden Texte noch mit der Schreibmaschine geschrieben und Menschen mit sehr schlechtem oder gar keinem Sehvermögen hatten keine Möglichkeit, das Geschriebene zu kontrollieren oder zu korrigieren. Bei Unterbrechungen durch wichtige Telefonate musste man sich merken, was man geschrieben hatte. Das Korrigieren von Tippfehlern war nur dann möglich, wenn der Fehler rechtzeitig bemerkt wurde, sodass durch Zählen der Rückschritttaste die fehlerhafte Position eingestellt und mittels Radex der falsch geschriebene Buchstabe weiß überschrieben und danach das richtige Zeichen getippt werden konnte. Radex sind kleine, etwa 6 cm lange Papierblättchen, die an ihrer Unterseite weißen Staub tragen. Dieses Blättchen wird zwischen Papier und Schreibführung geklemmt. Durch Tippen des entsprechenden Zeichens wird dieser weiße Staub auf das ursprüngliche vorhandene Zeichen übertragen, um es somit zu überdecken.

Es geht jedoch nicht nur um das Lesen von Büchern oder Schreiben von Texten.

Durch das rasche Anwachsen des Internets steht ein enormes Wissen zur Verfügung, zu dem nun auch blinde und sehbehinderte Menschen nahezu uneingeschränkten Zugang haben – vorausgesetzt natürlich, es werden die wichtigsten Bestimmungen einer barrierefreien Nutzbarkeit eingehalten.

Dies scheint noch längst nicht allen Anbietern von Webseiten wirklich bewusst zu sein, denn auf diesem Gebiet gibt es noch reichlich Verbesserungspotenzial.

Welche enorme Bedeutung die barrierefreie Nutzung von Internet-Angeboten hat, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass es nicht nur um das Lesen von Informationen, sondern vor allem auch um Interaktion geht – sei es nun bei Nutzung eines Webshops, um Waren zu bestellen, die Abwicklung von Bankgeschäften oder Zugriff auf behördliche Aktivitäten wie Steuerausgleich, die Nutzung des Impfportals oder auch die Anmeldung eines Corona-Tests, um nur einige wichtige Themen zu nennen, für die es oft genug keine Alternative zur Online-Variante gibt.

Insbesondere für die Aus- und Weiterbildung sowie das berufliche Fortkommen sind diese Entwicklungen von enormer Bedeutung. Ohne Online-Zugang wäre in den letzten beiden Jahren für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche kaum ein vernünftiger Unterricht möglich gewesen, genauso wenig wie Homeoffice für Berufstätige.

Die komplette Kontrolle des Geschriebenen mittels Sprachausgabe, Brailleschrift und Vergrößerung am Computer war für blinde und sehbehinderte Menschen der Start zu einer gleichberechtigten Teilhabe an moderner Technik und somit zum digitalen Informationsangebot, eine wichtige Voraussetzung sowohl für den Bildungserwerb als auch die berufliche Weiterentwicklung.

Eva Papst Juni 2022