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4. Das bisschen Haushalt ...


Für ein erfülltes Leben ist es unerlässlich, die Tatsache einer Erblindung einerseits zu akzeptieren und andererseits die damit verbundenen Herausforderungen auch anzunehmen. Dieser Prozess braucht Zeit, ist aber mit fortschreitender Erfahrung neben all den Mühen auch mit erfreulichen Erfolgserlebnissen verbunden.

Es kommt zwar vor, dass Menschen plötzlich erblinden, sei es durch Unfall oder Krankheit; viel häufiger ist es jedoch ein schleichender Prozess, der von einer angeborenen mehr oder weniger gravierenden Sehbehinderung zu einer massiven Verschlechterung oder langsam zur Erblindung führt.

So war es auch bei Petra Etzenberger. Trotz ihrer starken Sehbehinderung besuchte sie die Grundschule an ihrem Wohnort. "In den ersten vier Schuljahren konnte ich noch von der Tafel ablesen, jedoch nur, weil ich in der ersten Reihe saß", erinnert sie sich. "Danach wurde mein Sehvermögen immer schlechter, bis ich auf der Tafel nichts mehr erkennen konnte. Ab da wurde es für mich immer schwieriger, dem Unterricht zu folgen."

Aller Anfang ist schwer

Während heute Eltern blinder Kinder von Beginn an Beratung und Hilfe erfahren und integriert beschulte Kinder fachliche Unterstützung durch speziell geschulte PädagogInnen erhalten, war in den 1960er und 1970er Jahren noch keine Rede davon. Kein Wunder also, dass sich die kleine Petra ziemlich alleingelassen fühlte, sich vieles selbst beibringen musste und das auch engagiert tat.

Aber nicht nur in der Schule, auch in der elterlichen Landwirtschaft hieß es für Petra tatkräftig mitzuhelfen - Sehbehinderung hin oder her.

"Beim Auflesen der Kartoffeln hatte ich immer Schwierigkeiten, alle zu finden; aber es war für mich selbstverständlich, trotzdem mitzuarbeiten", erzählt sie weiter.

"Mit 14, nach Schulabschluss, wollte ich eigentlich eine Hauswirtschaftsschule machen, aber mein Sehvermögen reichte dafür nicht mehr aus. Also hat man mir im Arbeitsmarktservice empfohlen, in die Blinden- und Sehbehindertenschule zu wechseln. Meine Eltern wollten mich nicht gehen lassen, aber meine Großmutter hat sie überzeugt, dass das besser für mich wäre.“

Und damit begann für die Jugendliche ein neuer Lebensabschnitt. "Die wichtigste Erfahrung für mich war, dass in der neuen Schule alle die gleiche Beeinträchtigung hatten wie ich; ich fühlte mich gleichwertig. Denn in der Regelschule wurde ich wegen meiner Sehbehinderung auch schon mal ausgelacht oder geärgert." Ein weiterer Meilenstein war für sie die Umschulung auf die Blindenschrift (Braille-Schrift). "Endlich konnte ich dem Unterricht wieder richtig folgen", fügt sie hinzu. In der Blindenschule wurde sie zur Telefonistin, Phonotypistin und Stenotypistin (einem Handelsschulabschluss vergleichbar) ausgebildet und übte diesen Beruf dann auch aus.

Selbst ist die Frau

Petra Etzenberger führt gemeinsam mit ihrem Mann Bruno selbstständig den Haushalt und betreut auch den dazugehörigen Garten. "Den Rasen lasse ich aber mähen", schränkt sie ein.

Wie sie das in der Praxis macht? "Vieles habe ich schon früh von meiner Großmutter gelernt", winkt sie bescheiden ab.

"Ein Training für lebenspraktische Fähigkeiten, das es ja früher gar nicht gab, habe ich nie gemacht, sondern selbst probiert. Und natürlich habe ich mir einige Hilfsmittel gekauft."

So nutzt sie einen sprechenden Kurzzeitmesser sowie einen Messbecher mit tastbaren Markierungen auf der Innenseite zum Abmessen von Flüssigkeiten. "Besonders praktisch finde ich auch den elektrischen Milchaufschäumer, der auf der Innenseite zwei fühlbare Markierungen hat, damit ich nicht zu viel Milch eingieße", erläutert sie. Auch ihr Eierkocher hat eine fühlbare Markierung.


Sind für die sichere Bedienung keine fühlbaren Markierungen vorhanden, kann man diese in vielen Fällen selbst anbringen. Neben Aufklebern unterschiedlicher Formen gibt es auch Markierungspasten, die auf Kunststoff oder Metall haften. Gedacht sind diese Markierungen für Außenflächen von Geräten. Einer sanften Reinigung halten sie lange stand, müssen mitunter aber erneuert werden. Im Hilfsmittel-Shop findet man ein umfangreiches Angebot an Hilfsmitteln und vor allem fachliche Beratung.

Bedauerlich ist allerdings, dass viele Haushaltsgeräte (Spülmaschinen, Waschmaschinen, Herde, Dampfgarer usw.) oft nur über Display und Touchscreen bedienbar sind. Diese Geräte können nur teilweise, oft gar nicht von blinden Menschen bedient werden. Denn anders als Computer oder Smartphones ist keine Software integriert, die Menüs und Einstellungen vorlesen könnte. Von "Wahlfreiheit" bei der Ausstattung des Haushalts sind blinde Menschen also noch weit entfernt.

Die kleinen Hilfsmittel mit speziellen Markierungen sind aber nur die halbe Miete. Es gibt wohl keine Hausfrau, die sich nicht schon heftig am Herd verbrannt hat. Blinde Hausfrauen und Hausmänner müssen natürlich besonders vorsichtig sein.

"Ich benutze Topfhandschuhe, die bis zum Ellenbogen reichen", erklärt Petra Etzenberger. "Und meine scharfen Messer stecken in einem Messerblock", fügt sie hinzu, "So habe ich die Messer sicher im Griff."

Andere Gegenstände mit Spitzen oder Schneiden, wie etwa das Pizzarädchen, steckt sie in eine Hülle, um sich beim Suchen mit den Händen nicht zu verletzen.

Kochen und Backen ist die eine Sache, hinterher wieder alles sauber zu machen, eine andere. Schnell mal mit einem Lappen auf der Anrichte etwas wegzuwischen oder ein paar Krümel wegzusaugen, ist schnell geschehen, wenn man sehen kann, wo es schmutzig ist. Blind sauber zu machen, bedeutet aber strategisch wie ein Landvermesser vorzugehen und einfach alles systematisch zu putzen und zu saugen. Wer es ganz genau nimmt, kriecht auch schon mal unter den Tisch, um mit den Händen zu kontrollieren, was die Augen eben nicht sehen.

Die erfahrene Hausfrau Petra Etzenberger hat jedoch, so scheint es, für alle (oder fast alle) Problemstellungen im Haushalt auch eine Lösung gefunden. Neben diversen Hilfsmitteln und langjähriger Praxis helfen ihr auch Ordnung halten und Vorsicht bei der Bewältigung der täglichen Anforderungen in den eigenen vier Wänden. Dazu kommen noch Mut und Spaß am Ausprobieren und nicht zuletzt das Bedürfnis, ihre Erfahrungen weiterzugeben. In der von ihr initiierten und organisierten Veranstaltungsreihe "Tipps und Erfahrungsberichte für den Alltag" lässt sie andere an ihren langjährigen Erfahrungen teilhaben und findet auch immer wieder ReferentInnen zu speziellen weiterführenden Themen.

Nicht jeder kann oder will sich alles selbst beibringen. Um erblindenden Menschen die Bewältigung der neuen Lebensumstände zu erleichtern, bietet der BSVWNB zudem Trainings in lebenspraktischen Fähigkeiten an.

Eva Papst Oktober 2021