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8. Blind geboren

Förderung der Entwicklung blinder Kinder

 

Menschen nehmen Informationen zu einem sehr hohen Prozentsatz über visuelle Eindrücke auf. Das Kleinkind beobachtet den älteren Bruder, wie er Bausteine auftürmt; die Mutter führt den Löffel zum Mund und das Kind ahmt die Bewegung nach, auch wenn bei den ersten Versuchen der Löffel leer bleibt.

Bei blind geborenen Kindern, die über keine oder unzureichende visuelle Wahrnehmung verfügen, bedarf es daher alternativer Methoden, um die Umwelt zu erfassen und sich wichtige Fertigkeiten anzueignen. Lernen funktioniert vor allem im Kleinkindalter daher in erster Linie über das Begreifen im ganz wörtlichen Sinn und durch verstärkten Einsatz der vier restlichen Sinne, wobei das Gehör eine besonders wichtige Rolle übernimmt.

Auch blinde Kinder haben einen unstillbaren Forschungsdrang, erfühlen und ertasten, was in nächster Umgebung zu finden ist. Aber der Tastsinn funktioniert eben nur in der Nähe, die Reichweite ist daher äußerst begrenzt. Kleinere Gegenstände wie Stofftiere oder ein Löffel lassen sich auch mit Händen erkunden. Aber wie sieht ein Haus aus, das zu groß ist, um es zu ertasten?

In der Frühförderung erhalten Eltern wichtige Tipps zur Förderung der Entwicklung ihres blinden Kindes. Gegenstände, die zu groß sind, um sie zu erfassen, können als einfache Modelle aus Knetmasse dargestellt und Konturen mit Schnüren oder dünnem Draht tastbar gemacht werden.

Auch viele Spiele sind gut geeignet, die große Welt ins Kinderzimmer zu bringen, so wie es für sehende Kinder Bilderbücher tun. Manche Spiele müssen nur geringfügig angepasst werden, um auch dem blinden Kind die Teilhabe zu ermöglichen.

So können etwa Farben von Spielsteinen durch tastbare Symbole (z.B. Aufkleber in unterschiedlichen Formen) erkennbar gemacht werden.

So lernt das blinde Kind mit seinen eigenen Methoden die Welt zu verstehen und zu begreifen. Das gilt bei Schuleintritt ganz besonders auch für die Kulturtechniken Lesen und Schreiben, also das Erlernen der Braille-Schrift. Was für später erblindete Menschen oftmals mit viel Mühe verbunden ist, eignet sich das Kind ganz selbstverständlich an. Die Wörter und Sätze, dargestellt durch unterschiedliche Kombinationen von 6 Punkten, werden so automatisch zum schriftlichen Kommunikationswerkzeug wie für sehende Kinder die optischen Schriftzeichen. Das Schriftbild eines Wortes besteht also auch vor dem geistigen Auge aus Punkten und nicht aus Formen.

Aber nicht nur die Schrift wird mit Fingern ertastet. "Mein Vater zimmerte für mich einen kleinen "Bauernhof". Die ganze Verwandtschaft sammelte Plastiktiere, welche sich in Linde-Kaffee-Packungen befanden.", erinnert sich Mag. Erich Schmid, blind geboren und Pädagoge am Wiener Blindeninstitut, und fügt hinzu: "Ich habe einfach gelernt, ohne es zu merken!" Denn Kinder lernen spielerisch. Und zu lernen gibt es viel, zum Beispiel die Handhabung von Besteck, das sozusagen als Verlängerung der tastenden Hand benutzt wird. "Mein Vater hat mich gelehrt, mit dem Löffel nicht nur immer dieselben Stellen im Teller abzufahren, sondern zu verstehen, dass der gesamte Inhalt nicht an einer Stelle zusammenfließt, zum Beispiel bei einer Suppe mit Beilage. Es ist auch heute für mich noch nicht ganz einfach zu beurteilen, ob der Löffel in meiner Hand "gerade" liegt, vor allem deswegen, weil es sehr unterschiedliche Löffelformen gibt", erläutert Mag. Schmid. Sobald das Kind groß genug ist, um die Handhabung von Werkzeugen koordinieren zu können, lassen sich Messer und Gabel auch dazu nutzen, Lage und Konsistenz des Tellerinhalts zu "untersuchen".

Während der Tastsinn sozusagen der Sinn für die Nähe ist, liefert das Gehör Informationen aus der Ferne und weist dem blinden Kind die Richtung. Ein Ball, mit einer Schelle darin über den Boden gerollt, und schon läuft das Kind hinterher. Die Spielkameraden rufen und das Kind folgt den Stimmen.

Eine ganz wichtige Bezugsperson im Kleinkindalter war für Mag. Schmid auch seine Tante. "Meine Cousins und meine Cousine sind etwas jünger als ich und wir haben im selben Haushalt gewohnt", erzählt er. "Meine Tante - ausgebildete Fürsorgerin (heutige Bezeichnung Sozialarbeiterin) - war tagsüber häufig im Haus. Ich denke, dass sie sich am meisten darum gekümmert hat, wie man blinde Kinder bestmöglich fördern kann", vermutet er und ergänzt: "Sie hat mich übrigens bis in meine Jugendzeit häufig zu Freizeitaktivitäten von sehenden Kindern mitgenommen, was für meine Entwicklung sehr wichtig war." Soziales Lernen hat auch seine Mutter dadurch unterstützt, dass sie die Nachbarskinder zu sich, also in die vertraute Umgebung des blinden Kindes, zum Spielen eingeladen hat.

Besonders wichtig ist es, dass sich das Kind in gewohnter Umgebung zu orientieren lernt. Der kleine Erich scheint da sehr erfinderisch gewesen zu sein. "In der Zeit, nachdem ich das Gehen erlernt hatte, habe ich Erzählungen zufolge meine erste 'Erfindung' zum Thema Orientierung gemacht", erinnert sich der Pädagoge.

"Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich beim Gehen mein Sesselchen vor mir hergeschoben habe, vielleicht um mich zu stützen, wohl aber auch, damit ich nicht an Möbelstücke stoße oder über Stufen stolpere."

Sein vielbeschäftigter Vater steuerte noch einen bedeutenden Aspekt bei, nämlich neben der Förderung die Forderung. "Unermüdlich hat er mich bis ins spätere Jugendalter darauf hingewiesen, welche meiner Verhaltensweisen für sehende Menschen eigenartig wirken könnten: etwa eine zu hohe Kopfhaltung, hüpfendes Gehen oder Laufen, ... Durch gemeinsame Aktivitäten und in Gesprächen hat er mir die Welt sehender Menschen nähergebracht." Diese Unterstützung setzte der engagierte Vater auch bis ins Erwachsenenalter fort. Vater und Sohn waren viel mit dem Tandem unterwegs, und während des Studiums half er beim Aufbereiten der umfangreichen schriftlichen Unterlagen.

Das Erlernen von guten Orientierungsmethoden wird dadurch erleichtert, dass das Gehör immer wieder trainiert wird. "Meine Eltern haben mich immer auf Geräusche der Umgebung hingewiesen, wenn sie zu hören waren: Der Wind in den Blättern, die Vögel im Garten, ... Mit meinem Vater spielte ich, die damals auf dem Land noch selten fahrenden Autos an den Motorgeräuschen zu erkennen. Dieses genaue und konzentrierte Hinhören kann ich bis heute sehr gut gebrauchen, wenn es darum geht, meine Umgebung durch natürliche und künstlich erzeugte Echos der Gegenstände zu analysieren." Auf der Methode der Echoortung basiert auch Klicksonar.

Auch den Geruchssinn kann schon ein kleines Kind trainieren und dadurch herausfinden, wo das Geschäft des Fleischhauers ist "und man sich dort ein Rad Extrawurst abholen kann", erinnert er sich schmunzelnd.

Und neben all den Lerntechniken ist dem Blindenpädagogen noch eine Sache sehr wichtig: "Um im Alltag gut klarzukommen, braucht man auch 'Mut zur Lücke': Ich muss nur das wissen, was mir im Moment weiterhilft und - ebenso wichtig - die Schaffung von Bezügen zu gemachten Erfahrungen, erworbenem Wissen, vorhandenen Fähigkeiten und Fertigkeiten."

Links:

Frühförderung: http://www.contrast.or.at/
Click Sonar: https://www.blindenverband-wnb.at/blog/mit-klick-sonar-sicher-durch-den-alltag/
Spiele: https://www.blindenverband-wnb.at/fileadmin/user_upload/Blindenverband/Kataloge_Hilfsmittelshop/spiele.pdf

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Eva Papst Jänner 2022