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9. Mit allen Sinnen

Interview mit Burgi Bänder


Ein sehender Mensch, der seine Augen schließt und sich tastend durch einen Raum bewegt, kann vielleicht ahnen, was es heißt, blind zu sein. Wie aber ist es, sehbehindert zu sein? Es gibt viele Arten und Abstufungen. Wie eine sehbehinderte Person ihren Alltag bewältigt, lässt sich also am besten individuell beantworten. Wir fragen Burgi Bänder, die Stellvertreterin des Obmanns vom Blinden- und Sehbehindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland.

Frau Bänder, wer über sechs oder sieben Prozent Sehvermögen verfügt, gilt genauso als sehbehindert wie jemand, der ein Sehvermögen von 25 Prozent hat. Selbst der höhere Wert erscheint einer normalsichtigen Person als ziemlich gering. Einer Person, die nur noch hell und dunkel wahrnimmt jedoch als beneidenswert hoch. Sie sind von Geburt an sehbehindert. Und zwar aufgrund eines angeborenen Grauen Stars und eines Grünen Stars, der bereits kurz nach Ihrer Geburt aufgetreten ist. Wie beschreiben Sie Ihr Sehvermögen?

Burgi Bänder: Ich sehe nur auf einem Auge. Rechts bin ich blind, da habe ich eine Augenprothese. Und links sehe ich ungefähr 20 Prozent, und zwar mit der Kontaktlinse oder Brille, die ich trage. 20 Prozent Sehvermögen, das kann ich so allgemein schwer beschreiben, das kann ich leichter anhand von konkreten Beispielen erklären.

Hinzu kommt ja, dass das Sehvermögen eines Menschen nicht jeden Tag gleich ist, sondern auch davon abhängt, ob man ausreichend geschlafen und sich bewegt hat, ob man belastet oder unbeschwert ist, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit Ihrer Seheinschränkung an die alltäglichen Aufgaben heran?

Burgi Bänder: Wenn ich koche, und das mache ich jeden Tag, hilft mir mein verbliebenes Sehvermögen natürlich sehr. Aber bei mir kommen alle Sinne zum Einsatz. Ich höre, ob das Wasser kocht, ich schmecke, ob die Zwiebel durch ist oder rieche, wenn etwas angebrannt ist. Es ist für mich auch ganz wichtig, dass in der Küche immer alles auf seinem Platz steht. Mein Mann, der sehend ist, weiß und respektiert das. Meine Küchenwaage hat eine größere Schrift bei der Anzeige und ich verwende einen Messbecher mit einer farbigen, für mich gut lesbaren Skala. Wie ich überhaupt beim Kauf darauf achte, dass bestimmte Küchenutensilien und Haushaltsgeräte groß und kontrastreich beschriftet sind. Aber spezielle Hilfsmittel wie eine sprechende Waage verwende ich nicht.


Solche Hilfsmittel wie sprechende Küchen- und Personenwaagen, sprechende Uhren, Wecker, Blutdruckmesser oder Fieberthermometer erleichtern stark sehbehinderten Menschen den Alltag. Wie machen Sie es beim Einkaufen?

Burgi Bänder: Den Großeinkauf am Wochenende machen mein Mann und ich gemeinsam. Vor der Pandemie habe ich jedoch immer Lebensmittel wie Milch, Brot, Wurst, Käse oder frisches Gemüse eingekauft, Sachen, die man auch zwischendurch braucht. Seit der Pandemie mache ich das nicht mehr, weil es für mich schwierig ist, die Abstände einzuhalten und außerdem schränkt mich die Maske ein. Wenn die Pandemie vorbei ist, gehe ich wieder alleine einkaufen. Ich bin ja dreimal in der Woche im Fitness Center und der Supermarkt liegt auf meinem Weg. Dort kenne ich mich sehr gut aus und ich hab eine Lupe dabei, so kann ich zum Beispiel das Ablaufdatum kontrollieren.

Sie wohnen in Strebersdorf und benützen regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel. Sie müssen also Fahrpläne lesen und unterschiedliche Bus- und Straßenbahnlinien erkennen. Wie machen Sie das?

Burgi Bänder: Alle Busse haben seit einiger Zeit eine große LED Anzeige, so wie die Straßenbahnen, das wurde ja umgestellt. Diese Leuchtschrift kann ich gut lesen. Früher war das nicht so. Die leuchtenden Anzeigen in den U-Bahn-Stationen oder bei den Straßenbahnhaltestellen kann ich ebenfalls lesen. Wenn ich eine Strecke fahre, die ich nicht kenne, dann fotografiere ich den Fahrplan mit dem Smartphone ab und schaue ihn mir daheim am Computer an. Am PC kann ich mir alles vergrößern, dafür verwende ich die Vergrößerungssoftware Zoom Text. Ich informiere mich also vorab genau, so kann ich alle Wege allein machen, sei es ins Fitness Center, zum Joggen oder für meine Tätigkeiten im BSVWNB. Es ist für mich wichtig, dass ich selbstständig unterwegs sein kann, denn mein Mann ist eine Stubenfliege. (Lacht)

In Ihrer Funktion als Obmannstellvertreterin nehmen Sie regelmäßig an den Regionaltreffen teil und pflegen den Kontakt zu den Mitgliedern in Niederösterreich oder im Burgenland. Diese Treffen finden in der Regel in einem Lokal statt, mitunter an Orten, die für Sie unbekannt sind.

Burgi Bänder: Ich informiere mich in so einem Fall vorab im Internet. Ich schaue mir daheim die Speisekarte an und wenn möglich, die Gegebenheiten im Lokal. Denn manche Lokale bieten auf ihren Webseiten einen Rundgang. Ich möchte wissen, wie der Eingang aussieht, wo es Stufen gibt, wo sich die Garderobe und das Damen WC befinden. Wenn ich auf der Webseite darüber nichts erfahre, dann lasse ich mir beim Betreten des Lokals Zeit, um mir ein Bild zu machen und mir alles einzuprägen. Ich muss mich also sehr konzentrieren und mir viel merken. Aber das geht bei mir schon automatisch, ich habe das von klein auf gelernt. Auch von meinen Eltern, die beide blind waren. Meine Mutter praktisch von Geburt an, mein Vater aufgrund eines Unfalls.


Sie betreiben mehrere Webseiten zu Themen wie Sport, Augenprothesen, Grüner Star, um nur einige zu nennen. Verwenden Sie bei Ihrer Arbeit am PC Hilfsmittel wie eine Braillezeile oder Sprachausgabe?

Burgi Bänder: Nein, das nicht, aber ich nutze, wie schon erwähnt, den Zoom Text als Vergrößerungsprogramm. Es gibt verschiedene Vergrößerungsstufen, ich nutze die zweifache Vergrößerung von 12. Für meine Webseiten verwende ich auch Fotos und Videos, nicht nur Text. Das macht mir viel Freude.

Sie haben Ihre Pflichtschulzeit in einer Regelschule verbracht und sind zur Berufsausbildung ins Bundesblindeninstitut (BBI) gekommen. Sie kennen also beide Welten. Bekommt man als sehbehinderte Person das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen?

Burgi Bänder: Na ja, so würde ich es nicht sagen. Aber ich hab mich schon immer als einen Grenzfall erlebt. Denn ich gehöre nicht in die Welt derer, die normal sehen, dafür sehe ich zu wenig. Und ich gehöre auch nicht in die Welt derer, die blind sind, dafür sehe ich zu viel.

Das bedeutet, dass Sie bei vielen Dingen, die Sie machen, Ihre eigenen Strategien entwickeln, um die Dinge selbstständig tun zu können.

Burgi Bänder: Ich gehe zum Beispiel immer am Wochenende allein laufen, ungefähr eineinhalb Stunden. Ich mach das allerdings immer bei sehr gutem Tageslicht und habe mir dafür drei Strecken ausgesucht, die ich inzwischen in- und auswendig kenne. Das heißt, dass ich mir diese Strecken erarbeitet habe, dass ich sie zuerst abgegangen bin und mir den Verlauf genau eingeprägt habe. Im Fitness Center, wo ich drei Mal in der Woche bin, ist es ähnlich. Ich habe mir von einem Trainer alles genau erklären lassen und inzwischen kenne ich dort jeden Quadratzentimeter.

Welche Hobbys pflegen Sie neben dem Sport und welche Medien verwenden Sie?

Burgi Bänder: Ich hör gern Musik, schaue fern oder sehe mir Filme am Computer an. Ich lese auch Zeitungen. Bücher lese ich inzwischen kaum noch, da mir die Schwarzschrift meistens viel zu klein ist. Ich hab zwar damals am BBI die Brailleschrift gelernt, aber mir fehlt die Übung, deshalb bin ich sehr langsam, wenn ich Braille lese. Ich löse sehr gerne Kreuzworträtsel. Dafür verwende ich entweder eine Lupe oder ich kaufe mir ein Kreuzworträtsel in Großschrift. Es macht mir auch Spaß, mich zu schminken. Wenn ich mir die Lippen streiche oder die Wimpern tusche, benutze ich einen Vergrößerungsspiegel. Ich bin sehr lichtempfindlich und die Wimperntusche ist für mich so eine Art Blendschutz. Ich färbe mir die Wimpern selbst, tusche sie zwei Mal und bekomme auf die Art ein schützendes „Wimperndach“. Ich habe mir das Wimpern färben selbst beigebracht, hab mir einige Videos auf YouTube angeschaut und es dann ausprobiert.


Ist der Sehsinn bei Ihnen der dominante Sinn, auch wenn Ihr Sehvermögen eingeschränkt ist?

Burgi Bänder: Natürlich hilft mir mein eingeschränktes Sehvermögen, mich zu orientieren, Aber ich nutze alle anderen Sinne, also hören, riechen, schmecken, fühlen und ich achte sehr darauf, wie der Boden beschaffen ist. Das geht ganz automatisch, je nachdem wo ich bin und welche Informationen ich brauche. Ich denke gar nicht darüber nach, aber wenn mich jemand nicht kennt, merkt er, dass bei mir immer mehrere Sinne am Werk sind und ich werde manchmal darauf angesprochen.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Burgi Bänder: Ich hab ja länger in der Unsicht-Bar gearbeitet, also in einem Lokal wo es ganz dunkel ist. Wenn ich ein Glas Wein oder Wasser einschenke, dann höre ich ganz genau, wenn das Glas voll ist. Ich höre das am Klang. Ich bin auch schon öfters gefragt worden, warum ich immer Turnschuhe anhabe und nie hohe Schuhe trage. Ich mache das, damit ich den Boden besser spüre. Damit ich spüre, wo der Gehsteig anfängt, wo er aufhört, ob ich noch am Weg bin oder schon auf der Wiese. Dann heißt es, na ja, die Burgi mit den Turnschuhen, die Sportlerin. (Lacht)

Wann wird Ihre Sehbehinderung für Sie besonders spürbar?

Burgi Bänder: Immer wenn ich an einem fremden Ort bin, wenn ich in der Dämmerung oder Dunkelheit unterwegs bin oder unbekannten Menschen begegne. Also für mich ist es sehr wichtig, dass ich mich gut vorbereite und möglichst bei guten Lichtverhältnissen unterwegs bin. Die technischen Entwicklungen kommen mir auch zugute. Ich verfasse bei Sitzungen häufig ein Protokoll, und wenn diese Sitzungen online stattfinden, also per Zoom oder Microsoft Teams, dann kann ich die Gesichter viel besser sehen als wenn wir in einem großen Raum zusammensitzen. Also der PC und das Smartphone unterstützen mich sehr.


Vielen Dank für das Gespräch.


Der Hilfsmittelshop im BSVWNB bietet viele verschiedene Produkte an, die sehbehinderten Menschen den Alltag erleichtern.

Mag. Ursula Müller April 2022