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9. KI im Alltag

Integration künstlicher Intelligenz in den Alltag

Die Bewältigung des Alltags mit einer Sehbehinderung oder Blindheit ist eine große Herausforderung. Der wohl wichtigste Teil zur Bewältigung sind Schulung in Orientierung und Mobilität sowie lebenspraktischer Fähigkeiten wie etwa die Handhabung von Haushaltsgeräten oder wie man ein Butterbrot schmiert, ohne alles anzukleckern. Es gibt viele praktische Hilfsmittel, die zum Teil in unserem Hilfsmittelshop erhältlich sind. Dort werden Kund:innen auch gut beraten, wie man sich das Leben erleichtern kann und wo man Unterstützung bekommt.

Aber zweifellos treffen wir in unserem Alltag immer wieder auf Situationen, in denen man ein "Auge" zur Kontrolle benötigt. Und hier kann künstliche Intelligenz bis zu einem gewissen Grad und mit diversen Einschränkungen ein wahrer Segen sein und zu mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit verhelfen. Im Folgenden möchte ich einige dieser Situationen aufzeigen.

KI als "Haushaltshilfe"

Nein, sie kann weder meinen Staubsauger noch das Staubtuch handhaben, kochen und putzen kann sie auch nicht, aber ...

Im Schrank finde ich ein T-Shirt, das ich schon ewig nicht mehr getragen habe. Aber zu welchem Rock habe ich es wohl gekauft? Die KI analysiert anhand des Fotos Farben und Muster. Und falls ich dann immer noch unsicher bin, frage ich eben nach, zu welchem einfarbigen Rock oder Hose das T-Shirt am besten passen würde. Auch über die Stilrichtung (grelle oder gedeckte Farben, elegant oder sportlich) oder den Zustand (verwaschen, fleckig) erhalte ich bei Bedarf Auskunft.

Nach dem Wäschewaschen ist es ähnlich. Manchmal bin ich unsicher, welches Pyjamaoberteil zu welcher Hose gehört. Auch hier hilft es ein Foto zu machen. Meist wird schon bei der Beschreibung darauf eingegangen, was zusammengehört. Ist das nicht der Fall, stelle ich eben die entsprechende Frage.

Wir essen gerne Spitzpaprika. Meist kaufe ich einen Dreierpack, in dem sich üblicherweise eine gelbe, eine orange und eine rote Paprika befinden. Um sie zu unterscheiden, lege ich alle drei Paprika nebeneinander und mache ein Foto. Die KI verrät mir dann, wo welche Paprika liegt, und ich kann sie im Kühlschrank richtig einsortieren.

Von Zeit zu Zeit benötigt der Geschirrspüler Salz oder Klarspüler. Also mache ich während des Spülvorgangs ein Foto des Displays und erfahre anhand der eventuell leuchtenden Lampe, ob etwas nachgefüllt werden muss.

Und wenn einmal der Computer nicht starten will oder beim Umschalten eines Fernsehsenders kein Ton kommt, so hilft es, den Bildschirm zu fotografieren, um dem Fehler auf die Schliche zu kommen. Zwar würde dafür schon eine reine Texterkennung reichen, um lesen zu können, was angezeigt wird. Aber die KI ermöglicht eben auch Rückfragen über Details. So könnte ich beispielsweise fragen, ob Schaltflächen für Aktionen angezeigt werden und welche dieser Schaltflächen eventuell voreingestellt ist.

Allerlei Papierkram

Ich habe mir angewöhnt, vor dem Öffnen von Briefen sowohl Absender als auch Empfänger zu kontrollieren. Dazu braucht man keine KI, dafür reicht auch ein normales Scan-Programm, aber mit der KI kann ich eben auch Zusatzfragen stellen.
Der Absender ist für mich wichtig, um zu entscheiden, ob ich das Schriftstück der KI anvertrauen kann oder nicht. (Dazu weiter unten noch mehr.) Der Empfänger ist wichtig, um festzustellen, wem das Schriftstück gehört. Gelegentlich kommt es vor, dass sich auch Briefe im Postkasten befinden, die gar nicht an uns adressiert sind.

Das kennt sicher jeder: Plötzlich findet sich in der Handtasche, in einer Schublade oder auch am Fußboden ein Zettel. Um herauszufinden, worum es sich handelt, ist KI gut geeignet, zumal sie ja auch gut leserliche Handschriften entziffern bzw. interpretieren kann, was mit einem normalen Scan-Programm nicht möglich ist.

Unterwegs und im Wartebereich

Auch auf der Straße kann die KI hilfreich sein. Ich stehe vor einem Geschäftslokal, und die Türe ist verschlossen. Auf der Glasscheibe klebt ein Zettel – üblicherweise mit der Hand geschrieben. Es ist einen Versuch wert, hier die KI zu bemühen. Da könnte "komme gleich" stehen oder "von ... bis ... geschlossen".

Wenn ich meinen Mann zur Fußpflege begleite und im Wartezimmer sitze, greife ich manchmal zu einem der Magazine. Nein, ich möchte keinen Artikel lesen, aber es interessiert mich, welche Magazine hier ausgelegt sind, und es verkürzt die Wartezeit enorm. Gleiches gilt für Bilder an der Wand. Warum sich nicht ein bisschen umsehen, wie jemand mit gesunden Augen das tun würde.

Ja, und einmal habe ich sogar aus purer Not in einem noch leeren Railjet in München nach dem richtigen Sitzplatz gesucht. Das war mühsam und zeitaufwändig, aber ich habe unsere Plätze gefunden. In einem ersten Versuch habe ich ein Foto vom Mittelgang aus gemacht und die Kamera eher nach oben gehalten, weil ich weiß, dass dort irgendwo die Platznummern stehen. Danach habe ich die Frage gestellt, in welchem Bereich genau die Platznummern sind und aus welcher Entfernung ich das nächste Foto machen soll. Aufgrund der Anweisungen hat es dann beim 2. Versuch geklappt, und mir wurden die Platznummern genannt. Natürlich musste ich mehrere Fotos machen, um ans Ziel zu kommen.
Hätte sich jemand im Waggon befunden, hätte ich sicher gefragt und mir den Aufwand erspart. Aber letztlich zählt das Ergebnis.

Größere Dokumente

Eine besonders große Hilfestellung bietet die KI bei der Analyse größerer Dokumente. Sie ist nicht nur in der Lage, die Dokumente zu lesen, sondern sie kann den Inhalt auch zusammenfassen. Man muss nur angeben, wie genau und umfangreich diese Zusammenfassung sein soll – und natürlich muss man das Dokument hochladen, damit es analysiert werden kann. Das bietet sich z.B. an, wen der Energielieferant in einem 12-seitigen Dokument einen neuen Vertrag vorlegt und das Schriftstück vergleichende Tabellen beinhaltet. Die KI ist durchaus in der Lage, diese Tabellen zu interpretieren und zusammenzufassen. Gemeinsam mit der Möglichkeit, hinterher noch Fragen zum Inhalt stellen zu können, ist das manchmal deutlich einfacher als alles durchzulesen.
Ob man sich auf das Ergebnis dieser Interpretation verlassen kann, lässt sich natürlich nur überprüfen, wenn jemand mit menschlicher Intelligenz gegenprüft.
Jede App und jede Webseite, die KI nutzt, trägt den Vermerk "... Die KI kann Fehler machen ..." Und das tut sie auch häufig genug. Wie so oft im Leben gilt auch hier: Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser!

Und damit wären wir bei einem sehr wichtigen Thema angelangt: Der Datensicherheit.

Das geht gar nicht!

Alle Schriftstücke, in denen sich kritische Daten befinden, seien es Kontoinformationen oder Gesundheitsdaten, würde ich niemals der KI anvertrauen. Künstliche Intelligenz lebt und arbeitet mit Daten, die irgendwo im Netz gespeichert sind und wertet diese aus - auch meine! Private Daten haben dort nichts zu suchen – so zumindest meine ganz persönliche Meinung, der man sich ja nicht anschließen muss. Nur dann, wenn ein KI-Modell uneingeschränkt lokal arbeitet, also ohne das Internet zu benutzen, kann man sicher sein, dass sensible Daten nicht in fremde Hände gelangen.
Allerdings stellt sich mir die Frage, auf welches Wissen und welche Information die KI dann zugreifen könnte, wenn der große Wissenspool des WWW nicht zur Verfügung steht.
Die Entscheidung, was man preisgibt, ist einer einsamen Gratwanderung nicht unähnlich.

Mein Fazit

Künstliche Intelligenz kann das Leben blinder und sehbehinderter Menschen durchaus bereichern, Alltagsprobleme lösen helfen und deutlich unabhängiger machen, wenn man beispielsweise nicht mehr auf Besuch warten oder die Nachbarin belästigen muss, um Ordnung halten zu können.

Die vielfältigen und noch lange nicht restlos erforschten Möglichkeiten künstlicher Intelligenz verleiten aber auch dazu, Grenzen auszureizen und dabei möglicherweise die Sicherheit persönlicher Daten aus den Augen zu verlieren.

Eva Papst November 2025