Portraits

„Ohne Musik geht es nicht, und ohne die Leut‘ auch nicht.“
Florian Pesendorfer im Portrait
Schon in der Oberstufe des Gymnasiums bereitet sich Florian Pesendorfer am Konservatorium in St. Pölten auf das Musikstudium vor. Er studiert dort nach der Matura Kirchenmusik, sein Schwerpunkt ist die Orgel. Eine ungewöhnliche Wahl, diese habe auch mit seiner Oma väterlicherseits zu tun. „Meine Oma ist Organistin und hat über Jahrzehnte die Musikschule in Mauerbach geleitet.“ Hinzu kommt, dass ein Schulfreund im Gymnasium in Lilienfeld Orgel spielen lernt. Florian begleitet ihn öfters zum Üben und das Instrument gefällt ihm so gut, dass er selbst Orgel spielen will. Da sich die Schule im Stift befindet, gibt es ausreichend Möglichkeiten zum Üben. Wie aber haben die Lehrer:innen am Konservatorium in St. Pölten reagiert, als der junge Mann dort mit dem Unterricht beginnen will? Denn er ist aufgrund einer angeborenen Netzhautdystrophie vom Sehen her stark eingeschränkt.
„Die Lehrkräfte waren zuerst sehr skeptisch, ob es funktionieren wird. Man muss die Dinge unbedingt vorab besprechen, denn es wird von den Schüler:innen zum Beispiel erwartet, dass sie vom Blatt spielen. Aber das kann ich nicht. Ich eigne mir ein neues Stück durch Vor- und Nachspielen an.“
Also über das Hören, zuerst die eine, dann die andere Hand. Wie lange dauert es, bis er ein Stück gut spielen kann? Das hänge davon ab, wie komplex es sei. „Bei einer großen, mehrstimmigen Fuge von Johann Sebastian Bach, wie zum Beispiel die Fantasie und Fuge in g-Moll, dauert es einige Monate, bis ich mir dieses Stück erarbeitet habe. Aber man arbeitet ja immer an mehreren Stücken gleichzeitig.“ Das Orgelstudium ist breit gefächert. Es beinhaltet die Literatur, aber auch Musiktheorie und Musikgeschichte, Orgelbaukunde oder Dirigieren. Auf der Orgel spielt der junge Musiker besonders gern Bach, am Klavier am liebsten Schubert.

In seiner vorwissenschaftlichen Arbeit im Gymnasium hat sich Florian Pesendorfer mit dem Klavierbau in Wien des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Die Stadt war damals ein berühmtes Zentrum des Klavierbaus mit zahleichen Manufakturen. Bedeutende Klavierbauer waren unter anderem Bösendorfer, Streicher oder Graf. Die vorwissenschaftliche Arbeit weckt das Interesse des Schülers an historischen Instrumenten. „Ich habe begonnen, sie zu sammeln. Inzwischen habe ich drei Bösendorfer, zwei Streicher und einen Lichtenauer Flügel und zwei Tafelklaviere.“ Ein Glück, dass der junge Mann in einer geräumigen Wohnung lebt und dass es im Elternhaus in Annaberg viel Platz gibt. Klaviere müssen gehegt und gepflegt werden. So eignet sich der junge Musiker das Stimmen von Klavieren an.
„Früher am Blindeninstitut in Paris war Klavierstimmer einer von mehreren Ausbildungszweigen. Ich glaube, dass es in Frankreich und Deutschland diese Möglichkeit nach wie vor gibt. Ich finde es schade, dass es sie bei uns nicht mehr gibt. In Frankreich hat es sogar einen blinden Klavierbauer gegeben.“
Florian Pesendorfer verbringt seine ersten Lebensjahre in Wien, wächst dann in Annaberg in Niederösterreich auf. Seine Eltern betreiben ein Architekturbüro in Wien, doch als sie den Bauernhof in Annaberg von den Großeltern mütterlicherseits übernehmen, zieht die Mutter mit den Kindern dorthin und der Vater arbeitet unter der Woche in Wien. Die Stadt bleibt eine zweite Heimat, denn die Familie verbringt auch dort immer wieder Zeit. Die Großeltern in Annaberg betreiben Milchwirtschaft, eine Pferdezucht und eine Pension und arbeiten noch jahrelang tatkräftig mit. Florian wächst dort, wie er sagt, „frei auf“, zusammen mit seinen beiden jüngeren Brüdern, die zurzeit ein Wirtschaftsstudium absolvieren. Die Buben reiten, fahren Ski, haben Umgang mit Tieren, lernen ein Instrument zu spielen, und gehen in die kleine Volksschule in Annaberg. „Wir waren zehn Kinder. Alle vier Schulstufen waren in einem Raum.“
Danach besucht Florian das Gymnasium in Lilienfeld. In der Unterstufe schreibt er noch mit der Hand und arbeitet mit einer Kamera, um die Unterlagen zu vergrößern. Ab der fünften Klasse nützt er den PC, verwendet eine Kamera zum Vergrößern sowie eine Sprachausgabe. Das erleichtert vieles. Aber ein Fach wie Mathematik bleibt herausfordernd, vor allem, wenn es um Grafiken oder Geometrie geht. „Ich hatte eine Stützlehrerin, die ein- bis zweimal in der Woche gekommen ist. Sie hat mir tastbare Grafiken zur Verfügung gestellt oder einen Feinliner in den Zirkel eingespannt.“ Die Schule und die einzelnen Klassen sind klein, die Lehrer in der Regel kooperativ. Mit den Schulkolleg:innen kommt Florian gut aus. „Ich hätte es mir nicht besser wünschen können. Ich war immer mit dabei. Es war selbstverständlich, dass ich bei der Maturareise nach Mallorca mitfahre. Sie haben mich gut unterstützt.“

Seit der Matura lebt Florian wieder in Wien. Der junge Organist spielt am Wochenende regelmäßig in der Kirche. „Ich spiele in mehreren Pfarren, auch bei mir in der Nähe, in Baumgarten, da kann ich auch üben.“ Das macht der junge Musiker, wenn möglich jeden Tag, ungefähr eineinhalb Stunden lang. So erhält er sich die Beweglichkeit und ist in der Lage, sich die Stücke zu merken. Denn er muss sein Repertoire auswendig spielen.
„Ich bin dabei, die Braille Notenschrift, die sehr kompliziert ist, zu lernen. Aber das ist ohne Lehrperson schwierig. Bis jetzt habe ich noch niemanden gefunden, der mir das beibringen könnte. Ich habe unlängst eine Professorin in Weimar kontaktiert, sie ist auf diesem Gebiet federführend. Ich hoffe, dass sie mir gute Tipps geben kann.“
Ungefähr dreimal im Monat ist er als Organist tätig, „je nachdem wie es sich mit der Uni und allem anderen vereinbaren lässt.“
Das Studium der Rechtswissenschaften absolviert der vielseitig begabte junge Mann als Fernstudium. Das bietet Vorteile, da praktisch alles digital abläuft. Beruflich würde er seine Leidenschaft für die Musik gerne mit der Juristerei verbinden. Er könne sich vorstellen, im Ministerium für Kunst und Kultur zu arbeiten oder in der Event Organisation. Erste Erfahrungen in diesem Bereich sammelt Florian Pesendorfer als Mitglied in einem Verein, der Konzerte auf historischen Instrumenten veranstaltet. „Wir wollen das für die romantische Klavierliteratur bekannter machen. Die historischen Instrumente eröffnen eine völlig andere Klangwelt. Die Musik wirkt anders, wenn sie auf den Instrumenten gespielt wird, für die sie komponiert wurde. Das wollen wir fördern. In diesem Verein habe ich zum Beispiel die Vereinsstatuten überarbeitet, oder ich kümmere mich um organisatorische Dinge wie Saalmieten oder Förderungen.“
Im Lauf seines Studiums nutzt Florian Pesendorfer die Möglichkeit, mit dem Erasmusprogramm ins Ausland zu gehen. Er entscheidet sich für Straßburg und studiert dort Internationales Recht. Die Stadt ist für ihn aber auch deshalb attraktiv, da es dort viele historische Orgeln gibt und viele Orgelkonzerte. „Es war eine gute Wahl.“ Er bleibt zwei Semester dort, denn es sei mit viel Aufwand verbunden, sich ein Auslandssemester zu organisieren und sich auf einer neuen Uni in einer fremden Stadt zurechtzufinden. „Ich hab gedacht, wenn ich nur ein Semester bleibe, dann kenne ich mich gerade aus und muss wieder heim.“ Die allermeisten Vorlesungen und Prüfungen sind auf Französisch. Sein Job in einem Dunkelrestaurant trägt ebenfalls dazu bei, seine Sprachkenntnisse zu perfektionieren. In der Gemeinschaft der anderen Erasmus Studierenden, die aus Brasilien, Spanien, Italien, Deutschland oder aus der Schweiz kommen, fühlt sich der Student wohl. Aber die meisten Menschen lernt er nicht beim Jusstudium, sondern über die Musik kennen. Er kontaktiert Lehrkräfte an der Musik Universität, besucht Kirchen und spricht Organist:innen an, und erhält so auch die Gelegenheit, auf einer Orgel spielen zu können.

Der begeisterte Organist interessiert sich sehr für Sprachen. Im Louis Braille Haus besucht er seit einiger Zeit einen Italienisch Kurs. „In der Musik gibt es ja viele Begriffe aus dem Italienischen. Wir waren auch oft in Italien auf Urlaub, ich möchte dort kommunizieren können. Ich verstehe viel, aber selbst Sprechen muss halt geübt werden. Das passiert in diesem Kurs.“ Er geht gerne in Konzerte, mag Jazz und Klassik, Liederabende, Orgel- oder Chorkonzerte. Er singt im Louis Braille Chor und dienstags ist Schwimmen angesagt. Mit seiner Familie unternimmt er immer wieder Reisen in europäische Städte, aber auch nach China, in die USA oder Namibia.
Seit ungefähr einem Jahr lebt der leidenschaftliche Musiker und angehende Jurist mit seiner Freundin zusammen. Sie ist Informatikerin und die beiden sind seit über vier Jahren ein Paar. Er genieße das gemeinsame Leben.
„Es ist sehr schön. Ich denke, dass bei Menschen mit einer Sehbehinderung die Gefahr besteht, dass sie sich isolieren oder von den Eltern abhängig bleiben, und dass sie dann viel weniger von dem erleben, was man als junger Mensch erleben möchte. Also selbstständig sein, Beziehungen mit Gleichaltrigen pflegen und unabhängig Dinge unternehmen.“
Es sei wichtig, sich selbst zu fordern, sich etwas zuzutrauen und offen mit seiner Sehbehinderung umzugehen. Er habe damit bei Praktika in der Nationalbank oder im Landwirtschaftsministerium gute Erfahrungen gemacht. „Die Leute waren durchwegs sehr nett, offen und lernwillig. Viele hatten noch nie mit einer blinden oder sehbehinderten Person zu tun gehabt. Ich finde es auch wichtig, dass die Leute nachfragen, wenn sie etwas interessiert, da gibt es oft eine große Scheu.“
Florian Pesendorfer erzählt, dass es bei ihm einige Zeit gedauert habe, bis er offen mit seiner Sehbehinderung umgehen konnte. „Ich war früher sehr ungern mit einem Blindenstock unterwegs. Ich habe das abgelehnt, denn das unterscheidet einen von den anderen. Aber ich gewinne viel an Lebensqualität, wenn ich es mir eingestehe, es ist halt wie es ist.“ In Annaberg oder Lilienfeld, auch in St. Pölten sei es möglich gewesen, ohne weißen Stock unterwegs zu sein, nicht aber in Wien oder Straßburg, das sei viel zu gefährlich.

Florian Pesendorfer sagt, er sei froh, dass er von der Musik nicht leben müsse. Denn die Klassik Szene sei sehr hart, sehr stark auf den Wettbewerb ausgerichtet. Da werde einem nichts geschenkt. Die Musik aber spiele in seinem Leben eine wesentliche Rolle.
„Die Musik erfüllt mich. Ich brauche die Musik, damit es mir psychisch wie physisch gut geht. Und es ist schön, dass Musik so leicht verfügbar ist. Klar kostet es etwas, wenn man ein Instrument kauft. Anders ist es, wenn man in einem Chor singt. Das gemeinsame Musizieren kann man durch nichts ersetzen.“
Florian Pesendorfer ist froh, dass er den Louis Braille Chor gefunden hat. Er hat davor auch bei anderen Chören gesungen. Dort sei er aber immer vor dem Problem gestanden, dass die Mitglieder vom Blatt singen können müssen, weil alles andere zu viel Zeit zum Einstudieren benötigen würde. Das ist beim Braille Chor anders. Die Chorleiterin stellt für jede Stimmlage, für Sopran, Alt, Tenor, Bariton oder Bass Aufnahmen zur Verfügung und es ist genug Zeit zum Einstudieren und Üben. Im Chor singen ungefähr 30 Leute mit, die meisten können sehen, einige sind blind. Der Einsatz für die sehbehinderten Sänger:innen geht über das Atmen. Es wird gemeinsam geatmet und gemeinsam gesungen. So schafft die Musik Gemeinschaft und Verbundenheit.
Weitere interessante Beiträge
„Ohne Musik geht es nicht, und ohne die Leut‘ auch nicht.“

Die Beziehungen zu anderen Menschen und die Musik nehmen im Leben von Florian Pesendorfer den wichtigsten Platz ein. Der Mittzwanziger, der zurzeit…
„Unser Gehirn will gefordert werden.“

Viele Menschen wünschen sich, noch im Alter geistig fit zu sein und selbstständig leben zu können. Gute Gene helfen, dieses Ziel zu erreichen, genauso…
Louis, ein vierbeiniger Blogger

Unser Assistenzhund Louis hat jetzt seinen eigenen Blogbereich!