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Portraits

Zwei junge Frauen umarmen sich seitlich und lachen dabei in die Kamera, jede von ihnen hält einen weißen Stock. Hinter ihnen viele Blumen in einem Park.
Bildinfo: Die beiden Schwestern Angelika und Dani. © privat / Foto zur Verfügung gestellt.

„Es kommt auf das entsprechende Mindset, auf die innere Haltung an.“

Davon ist Angelika Angerer überzeugt. Die junge Frau, sie ist Mitte zwanzig und von Geburt an blind, studiert an der Uni Wien, ist weltoffen und hat viele verschiedene Interessen.

Angelika Angerer im Portrait

Die junge Niederösterreicherin studiert Spanisch, Französisch und Deutsch fürs Lehramt. Mit einem Erasmus Stipendium verbringt sie ein Semester in Santiago de Compostela, dort wo der Jakobsweg endet. „Das war wirklich eine coole Erfahrung“, erzählt sie. „Man hat ja so Klischees von diesem Land. Es war spannend, für eine Weile dort zu leben, auf die Uni zu gehen und mit „echten“ Spanierinnen und Spaniern in Kontakt zu kommen. Für das Studium hat mir der Aufenthalt viel gebracht. Außerdem war ich zum ersten Mal allein länger weg von zuhause.“ Das bedeutet weg von Freund:innen, Eltern und Geschwistern, aber vor allem weg von Dani, von Angelikas eineiiger Zwillingsschwester.  Angelika wagt mit dem Auslandssemester einen großen Schritt, trennt sich erstmals für längere Zeit von ihrer Zwillingsschwester und geht an einen unbekannten Ort. 

Neuland zu betreten ist für jeden Menschen eine Herausforderung, ganz besonders aber für eine Person, die blind ist. Die Uni in Santiago de Compostela ist nicht sehr groß, aber die Vorlesungen und Seminare finden in unterschiedlichen Gebäuden statt, es sind also viele Wege zurückzulegen. In der allerersten Zeit wird Angelika von ihrer Mutter unterstützt. Sie gehen alle wichtigen Wege gemeinsam ab und die Erasmus Studentin lernt, sich in der neuen Umgebung zu orientieren. Dennoch muss sie hin und wieder nach dem Weg fragen. Das ist einerseits einfach, sie kann die Sprache und die Menschen reagieren offen und hilfsbereit, aber wenn man die Örtlichkeiten nicht sehr gut kennt, ist es oft trotzdem schwierig, den Erklärungen zu folgen. Aber die couragierte junge Frau findet im wahrsten wie im übertragenen Sinn des Wortes ihren Weg.


Seit kurzem studiert Angelika Angerer neben Spanisch und Französisch auch noch Deutsch, weil sie sich dadurch weitere berufliche Möglichkeiten eröffnet. Auch im eigenen Land ist es als blinde Studentin nicht einfach, den Uni Alltag zu organisieren, die Hörsäle und Seminarräume zu finden, barrierefreie Unterlagen zu erhalten und Prüfungen in einer für sie geeigneten Weise abzulegen. Viele Unterlagen sind auf der Lernplattform Moodle für alle Studierenden verfügbar, aber das bedeutet nicht, dass diese barrierefrei sind, dass sie also von blinden Studierenden gelesen werden können. Wie lassen sich diese Hürden aus dem Weg räumen? „Am Anfang des Semesters schreibe ich den Professor:innen, dass ich in ihre Lehrveranstaltung komme, dass ich blind bin und barrierefreie Unterlagen benötige. Sie sind grundsätzlich verständnisvoll, aber manchmal fehlt ihnen die Vorstellung, was und wie ich die Dinge brauche. Andere geben sich wirklich Mühe und stellen mir alles barrierefrei auf die Moodle Plattform, das finde ich ziemlich cool. Im Lehramtsstudium ist es so, dass wir Studierende sehr viele Präsentationen machen müssen. Es gibt viele Kolleg:innen, die extrem darauf achten, dass die Dokumente auch für mich lesbar sind. Das finde ich auch sehr cool.“

Die meisten Lehrveranstaltungen, die Angelika Angerer besucht, finden am Uni Campus im Alten AKH und auf der Hauptuni statt. Wie hat sie ihre Studienwahl getroffen, was hat sie motiviert, Spanisch und Französisch zu studieren? „Ich hatte immer den Plan, Lehrerin zu werden. Eigentlich wollte ich Mathematik und Biologie unterrichten, das hätte mich sehr interessiert, aber als blinde Person ist das sehr schwierig. Selbst wenn ich das Mathematikstudium geschafft hätte, bleibt die Frage, wie ich den Stoff anderen beibringen könnte? Deshalb habe ich mich davon verabschiedet. Dann habe ich mich für Spanisch entschieden, weil ich das Fach schon in der Schule hatte. Ich habe es damals eigentlich wegen meiner Schwester gewählt, weil sie es genommen hat, aber ich bin dann voll in die Sprache hineingekippt.“ Sie interessiere sich für vieles und könne sich für vieles begeistern, es komme auf das entsprechende Mindset, auf die innere Haltung an.


Angelika wächst in Hennersdorf bei Wien auf. Zusammen mit ihrem Bruder Florian, er ist der älteste, arbeitet als Musiker und ist ebenfalls von Geburt an blind. Zusammen mit ihrer Schwester Bettina, die fünf Jahre älter und im Gesundheitsbereich tätig ist, und mit ihrer Zwillingsschwester Dani. Die zwei Mädels besuchen den Kindergarten in Hennersdorf, sie seien damals „ur schüchterne“ Kinder gewesen. Ab der Volksschule sind die Zwillinge am Bundesblindeninstitut (BBI). Der große Bruder ist schon da und die Mutter bringt die drei Geschwister in der Früh zur Schule und holt sie wieder ab. „Das war immer so eine entspannte Zeit bei der Mama im Auto“, erinnert sich Angelika. 

Die zwei Mädchen, die sich zum Verwechseln ähnlichsehen, tragen meistens unterschiedliches Gewand mit festgelegten Farben. Rot ist Angelikas Lieblingsfarbe, Gelb die von Dani. Als die beiden einmal versehentlich das Gewand vertauschen, aber draufkommen was ihnen passiert ist, machen sie sich einen Spaß draus und verbringen den Tag in der Schule mit vertauschten Rollen. Als junge Erwachsene werden sie nicht mehr so oft verwechselt, da die meisten Leute die Zwillingsschwestern getrennt voneinander kennenlernen. Nach der Matura entscheiden sie sich bewusst dafür, unterschiedliche Ausbildungswege zu gehen. Angelika beginnt mit einem Lehramtsstudium, Dani mit Psychologie.


Wer ein Lehramtsstudium absolviert, sammelt im Laufe der Ausbildung auch praktische Erfahrungen. Die Studierenden absolvieren mehrere Schulpraktika, zuerst schauen sie den erfahrenen Lehrkräften, ihren Mentor:innen zu, dann gestalten sie selbst Unterrichtseinheiten. Angelika macht ihre ersten Schritte im Unterrichten in drei Wiener Gymnasien. Koordiniert werden die Schulpraktika von der Universität und die junge Frau geht auch hier so vor wie bei ihren anderen Lehrveranstaltungen. Sie kontaktiert vorab die Verantwortlichen, sagt, dass sie blind ist und Mentor:innen sucht, die sich vorstellen können, mit einer blinden Studentin zu arbeiten. Und wie ist es ihr in der Praxis ergangen? „Ich war immer ziemlich nervös, aber es ist mir sehr gut gegangen. Teilweise habe ich die Schulpraktika auch mit einer Kollegin gemacht, das hat ein bisschen Druck herausgenommen und es hat mir sehr geholfen, weil wir zu zweit in der Schule unterwegs waren. Auch mit meinen Mentor:innen hat es gut funktioniert und die Schüler:innen waren immer sehr nett zu mir.“

Wie schaut ein Schulpraktikum aus, wie läuft die Stunde ab? Die Lehramtsstudent:innen stellen sich am Anfang der Klasse vor. Angelika Angerer sagt bei dieser Gelegenheit auch dazu, worauf es bei ihr ankommt. Dass es zum Beispiel wichtig für sie ist, dass im Unterricht Ruhe herrscht, um sich konzentrieren und den Überblick bewahren zu können. Das habe mehr oder weniger gut funktioniert. „Es gab meistens irgendwelche Schüler:innen, die die anderen darauf aufmerksam gemacht haben, wenn es zu laut war, also musste ich selber selten etwas sagen.“ Um mit den Kindern und Jugendlichen im Unterricht in Kontakt zu treten, gibt es für sie verschiedene Möglichkeiten. Sie ruft sie namentlich auf, fragt, wer antworten möchte oder überlegt sich noch etwas anderes. „Bei einer Übung habe ich es so gemacht, dass ich eine Person bestimmt habe, die beginnt und diese hat dann die nächste ausgesucht, die an die Reihe kommt. So hat es gut funktioniert, alle sind aufgerufen worden.“ Der Lehrberuf sei eine coole Sache, aber sie sei sich nicht sicher, ob sie tatsächlich als Lehrerin arbeiten möchte. Vor allem, weil es sie sehr fordern würde, ständig in einer großen Gruppe zu sein und immer mit vielen Menschen gleichzeitig arbeiten zu müssen. Das sei auch der Grund, warum sie mit dem Deutschstudium begonnen habe. „Mich interessiert vor allem, Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache zu unterrichten. Da gibt es eine große Nachfrage, und zwar bei verschiedenen Altersstufen, und oft hat man es auch mit kleineren Gruppen zu tun. Ich kann mir auch vorstellen, Sprachkurse in Spanisch und Französisch anzubieten oder als Übersetzerin zu arbeiten.“


Angelika Angerer ist mit ihrem Studium sehr ausgelastet, aber für das Schwimmen nimmt sie sich regelmäßig Zeit. Schwimmen ist jetzt ihr Lieblingshobby. „Ich trainiere mehrmals in der Woche, meistens vier oder fünf Mal.“ Sie nimmt regelmäßig an Wettkämpfen teil und hat bereits einige österreichische Rekorde aufgestellt. 2025 gewinnt sie die Staatsmeisterschaft in mehreren Disziplinen. Schwester Dani schwimmt natürlich auch. „Eigentlich schwimme ich nur ihretwegen.“ (Lacht) Davor engagierten sich die beiden Schwestern im Blindenfußball, seit Sommer 2023 sind sie im Schwimmteam. Beide verbindet auch die Liebe zur Musik. Als Kinder und Jugendliche besuchen sie die Musikschule. Angelika lernt Klavier und Posaune, Dani spielt die Klarinette, beide sind im selben Orchester und sie singen viel und gern. Beide mögen Tiere und lieben ihre Katze Cosmo. Als Kinder sind sie vom Reiten begeistert. Die Familie verbringt die Sommerurlaube immer wieder auf einem Bauernhof in der Steiermark, wo es auch Pferde gibt. Bettina, die ältere Schwester, lernt reiten. Sie selbst haben gar nicht daran gedacht, dass sie dies auch tun könnten. Doch als die Leute vom Hof sie fragen, ob sie nicht auch Reitstunden nehmen wollen, sind sie begeistert dabei. „Das war immer sehr cool, das war immer eine große Freude.“

Wichtig sind Angelika die Menschen, die sie mag, die Familie, die Freund:innen und insbesondere ihre Zwillingsschwester Dani. Wichtig ist ihr auch, dass ihr Leben nicht zu stressig ist. Das passiert, wenn sie sich zu viel vornimmt. „Wenn ich mein Semester plane, dann will ich diese Lehrveranstaltung machen, eine andere ist auch noch interessant und dann gibt es noch eine und noch eine. Dann sagt die Dani, dass das viel zu viel ist und ich mich wieder voll stressen werde. Ich merke eh, dass sie recht hat und lasse dann wieder was weg.“ Die beiden Schwestern tauschen sich aus, streiten miteinander, geben sich Feedback, teilen sich ein Zimmer und machen, vom Studium abgesehen, fast alles gemeinsam. Sie unterstützen sich gegenseitig und finden es heute nicht immer so gut, dass sie sich für unterschiedliche Ausbildungswege entschieden haben. Sie vermissen einander, wenn sie getrennt sind. Auch wenn Angelika das Auslandssemester in Santiago de Compostela sehr gut gefallen hat, ist sie sich nicht sicher, ob sie noch einmal so lange von ihrer Schwester getrennt sein möchte. Vielleicht weil es sich so anfühlt, als fehle ein Teil von einem selbst.

„Es kommt auf das entsprechende Mindset, auf die innere Haltung an.“

Zwei junge Frauen umarmen sich seitlich und lachen dabei in die Kamera, jede von ihnen hält einen weißen Stock. Hinter ihnen viele Blumen in einem Park.
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4. INKLUSIONS-SCHACHOPEN 2026

In der Mitte der Grafik sind ein Schachbrett samt Figuren sowie 2 Hände, die das Schachbrett berühren, zu sehen. In der oberen Hälfte der Grafik befindet sich ein brauner Balken, indem das Logo des BSV WNB sowie der Schriftzug „4. Inklusionsschachopen 2026“ eingebettet sind. In der unteren Hälfte ist ebenso ein brauner Balken gezogen, in dem die Logos von VOI., Objentis, twinformatics sowie Videbis angebracht sind.
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6. bis 12. Juli 2026 im Louis Braille Haus

Museum für alle

Auf einem Tisch sind knapp ein Dutzend Werkzeuge wie Hammer oder Metallkeile nebeneinander aufgelegt, eine Hand tastet danach.
Aktuelles

Was habe ich als blinde oder sehbehinderte Person davon, in ein Museum oder eine Ausstellung zu gehen? Sehr viel, wenn die Inhalte entsprechend…