Portraits

A whole girl, ein ganzes Mädchen
Sofia Reyna im Portrait
Für Sofia Reyna, blind, 20 Jahre alt, ist Musik eine Möglichkeit, sich auszudrücken und Erlebnisse zu verarbeiten, und ein „Ort“ an dem sie sich sicher und geborgen fühlt. Ihren ersten Song schreibt sie im Alter von 15 Jahren, nur für sich, an später, ans Veröffentlichen denkt sie nicht. Weitere Songs entstehen, inzwischen sind es über dreißig. „Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs (HG) ist auf mich aufmerksam geworden und hat mir angeboten, mich finanziell dabei zu unterstützen, ein Album mit zehn Songs herauszubringen. Das war eine tolle Sache.“ Welche Lieder sollen aufs Album, wo wird aufgenommen und produziert, wie soll die Veröffentlichung erfolgen? „Das war ein langer aufregender Prozess, eine Achterbahn der Gefühle, es hat zwei Jahre gedauert und war mit sehr viel Arbeit verbunden.“ Das Album heißt HALF A GIRL. Den Titelsong hat Sofia Reyna eigens dafür geschrieben. Was bedeutet der Titel, was steckt dahinter?
„Es ist mein persönlichster Song. Ich erzähle, wie es mir in meiner Schulzeit ergangen ist. Viele meiner Mitschüler:innen wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten, weil ich blind bin. Deshalb habe ich mich oft als Außenseiterin und unverstanden gefühlt. Irgendwie so, als würde ich als „halbes“ Mädchen behandelt werden. HALF A GIRL passt deshalb so gut als Titelsong, weil er am meisten mit meinen Gefühlen von früher zu tun hat und weil Musik mich immer heruntergeholt hat, mir immer die Möglichkeit gegeben hat, mich auszudrücken. Es macht mich mega stolz, dass das Album draußen ist. Ich kann genauso viel erreichen wie andere, ich bin doch ein whole girl, ein ganzes Mädchen.“

Auch wenn anfangs viel Skepsis herrscht, besucht Sofia, die zusammen mit ihrem älteren Bruder in Neufeld an der Leitha aufwächst, die Regelschule. Nach der Volksschule geht sie ins Theresianum in Eisenstadt, zuerst in die Neue Mittelschule, dann in das Oberstufenrealgymnasium mit dem Schwerpunkt Musik, dort schließt sie 2024 mit der Matura ab. Die Lehrkräfte sind bemüht, der Klassenvorstand fragt nach und in der Oberstufe gibt es einen Tag, wo die Mitschüler:innen für die Situation ihrer blinden Klassenkollegin sensibilisiert werden sollen. Sie tragen Augenbinden, um eine Vorstellung zu bekommen, wie es ist blind zu sein. Doch das Verständnis der Klassenkolleg:innen bleibt gering. Erst in den letzten beiden Schuljahren hat Sofia einen Banknachbarn, der offen und entspannt mit ihrer Blindheit umgehen kann und mit dem sie sich gut versteht. Es spielt auch eine Rolle, dass Sofia in jenem Jahr in die Oberstufe kommt, wo die Corona Pandemie ausbricht, das bedeutet Lockdowns und Unterricht zuhause vor dem Bildschirm. Das tut der Klassengemeinschaft nicht gut. „Ich habe ein bissl darunter gelitten, weil ich schon in der Unterstufe nicht so richtig Teil der Klassengemeinschaft war, aber du kannst nichts erzwingen.“
Die Lehrer:innen versuchen, das Unterrichtsmaterial möglichst sachgerecht aufzubereiten. Von ihrer Blindenlehrerin Andrea Steiner fühlt sich Sofia besonders gut unterstützt. Diese begleitet die kluge wie engagierte Schülerin die gesamte Schulzeit hindurch. Seit Herbst 2024 studiert die junge Singer Songwriterin Pop und Jazz Gesang an der Jam Music Lab Privatuniversität Wien und hat sich gut eingelebt. „Ich habe in jedem Kurs ein paar Mädels mit denen ich rede, es gibt nicht viele, die ich gut kenne, aber mit ein paar bin ich schon sehr close. Und die Lehrer:innen geben sich Mühe, die Dinge möglichst einfach für mich zu machen.“ Dennoch bleiben viele Herausforderungen. Es gilt, Wege zu bewältigen oder eine Lösung für musiktheoretische Fächer zu finden. Sie wird dabei von einer Kollegin unterstützt, die zugleich ihre Assistenz ist und für sie die Noten im Fach Musiklehre in Buchstaben übersetzt. Auch für Prüfungen werden individuelle Lösungen gefunden. Neue Stücke, sei es auf der Gitarre oder auf dem Klavier, eignet sich die Studentin über das Gehör an und lernt sie auswendig. So hat sie es schon immer gemacht.

Sofia hat sich als Singer Songwriterin für den Künstlernamen Reyna entschieden, denn ihr Familienname Lichtenwörther sei einfach zu lang und zu schwer zu merken. Sie habe lange überlegt, was zu ihrem Vornamen passe und sei schließlich auf Reyna gekommen. In Sanskrit bedeute das Wort Sängerin, im Spanischen heiße es Königin. „Königin verstehe ich als Ausdruck für eine starke Frau und eine Sängerin ist eine Person, die zugleich stark und verwundbar ist. Für mich ist das eine coole Aussage.“
Singen erfordere Stärke, weil man mit jedem Song, mit jedem Text und jeder Melodie etwas Persönliches, etwas von sich selbst preisgebe. Und auch Sofias Leben hat von Anfang an viel Stärke erfordert. Im zweiten Lebensjahr wurde bei ihr ein gutartiger Gehirntumor diagnostiziert. Bettina Lichtenwörther, Sofias Mutter, die zum Interview dazugekommen ist, erzählt, welcher Schock diese Diagnose bedeutet habe. „Das hat unser Leben völlig verändert. Dieser gutartige Gehirntumor ist chronisch, er zerstört in der Regel den Sehnerv und legt die Funktion der Hirnanhangdrüse lahm. Bei Sofia war alles gleichzeitig, sie ist als kleines Kind erblindet und muss alle Hormone in Form von Medikamenten ersetzen, da ihr Körper keine Hormone mehr produzieren kann. Hinzu kommt, dass man nie weiß, wie es weitergeht. Der Tumor verursacht Zysten und die Zysten produzieren Flüssigkeit, dann wächst die Zyste und drückt auf eine bestimmte Stelle. Sofia hatte viele komplizierte Operationen und aufwendige Therapien, da immer wieder eine Zyste gewachsen ist. Seit einigen Jahren zum Glück nicht mehr. Alles, was bisher auf uns zugekommen ist, haben wir gut gemeistert.“ Sofias Mutter erinnert sich, dass sich zwar ihr Leben mit der Diagnose schlagartig geändert habe, dass sie aber nicht viel Gelegenheit gehabt hätte, traurig und verzweifelt zu sein, da Sofia schon als Kind voller Neugierde und Tatendrang gewesen sei. „Sie ist in der Früh aufgewacht, war fröhlich und hat gefragt: Was machen wir heute? Da hat man als Elternteil keinen Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Wir haben immer versucht, sie zu fördern und zu unterstützen. Und wir unterstützen auch ihre musikalischen Ambitionen. Sie hat alle Herausforderungen und schweren Zeiten in ihrem Leben so gut bewältigt, sie verdient es, dass sie ihrer Leidenschaft nachgehen kann.“

Die Musik spielt in Sofias Leben von Anfang an eine Rolle. Sie hört schon als Kind gern Musik, die für sie zu einem Zufluchtsort und sicherem Hafen wird. Sie lernt früh Gitarre zu spielen, singt im Chor, nimmt Gesangsunterricht und beginnt als Jugendliche Songs zu schreiben. „Meistens fällt mir zuerst eine Melodie ein, das kann mir unterwegs oder in einem Café passieren. Ich nehme diese Melodie dann möglichst schnell auf, damit ich nichts vergesse. Zuhause hole ich meine Gitarre oder setze mich ans Klavier und probiere aus, welche Akkorde am besten dazu passen. Erst dann kümmere ich mich um den Text. So läuft es meistens ab. Manchmal, wie bei HALF A GIRL fängt es auch mit dem Thema an.“ Sofia nimmt an Wettbewerben und Workshops teil, so auch im Sommer 2024 bei einem Songwriting Workshop im Burgenland, geleitet von Stefan Trenker und Jerry Meehan, einem Londoner Produzenten, der auch als Bassist von Robbie Williams tätig ist.
„Die beiden haben gefragt, ob wer was in Arbeit hat, ich habe mich gemeldet und wir haben dann bei diesem Workshop daran weitergearbeitet. Ich bin mit den beiden in Mailkontakt geblieben. Mein Song hat Jerry so gut gefallen, er hat mich eingeladen, in sein Tonstudio nach London zu kommen und den Song aufzunehmen.“ Sofia ist überwältigt. Sie reist mit ihren Eltern und ihrem Gesangscoach Sissy Handler, bekannt als MisSiss, nach London. In Jerry Meehan‘s Wendy House Studios nimmt die junge Musikerin nicht nur einen, sondern drei Songs auf. Einen, ANGEL, sogar gemeinsam mit ihrem Produzenten Jerry Meehan. „Es war eine tolle Stimmung. Alle waren super professionell und Jerry ist ein sehr liebenswürdiger und gefühlvoller Mensch. Ich verknüpfe so viele Erinnerungen damit, es war crazy, es war magisch.“

Die Musik nimmt in Sofias Leben viel Platz ein und ihre Songs schreibt sie mit Herzblut. Doch eine Karriere als Sängerin strebt sie nicht an. „Das ist mir zu unsicher, du brauchst unglaublich viel Glück und Talent, um damit dein Leben bestreiten zu können. Ich mache jetzt Musik, weil das meine Leidenschaft ist. Zuerst studiere ich fertig, dann schaue ich wie es weitergehen könnte. Ich kann mir verschiedene Richtungen vorstellen wie Unterrichten oder Musiktherapie.“ In ihrer Freizeit hört die Musikstudentin gerne Podcasts und ganz besonders liegt ihr der Kontakt zu ihren fünf blinden Freundinnen am Herzen, die an unterschiedlichen Orten in Österreich leben. Sie telefonieren oft und teilen vieles miteinander. „Sie sind mein größter Support, egal um was es geht. Sie sind bei allem dabei. Sie waren die ersten, die gesagt haben, dass sie zu meiner release Party im November kommen, sogar aus Kärnten und Tirol sind sie angereist.“ Kennengelernt haben sie sich bei Computercamps und Projekttagen, die für junge blinde Menschen organisiert wurden. Die älteste ist 21, die jüngste 16. Aber nicht nur die Mädels verstehen sich prächtig, auch deren Eltern haben sich befreundet, erzählt Bettina Lichtenwörther. „Wir besuchen uns gegenseitig, verbringen einige Wochenenden im Jahr zusammen und fahren sogar gemeinsam auf Urlaub, letztes Jahr waren wir im Sommer auf der griechischen Insel Karpathos. Zwischen uns Erwachsenen sind tiefe Freundschaften entstanden.“

Die Freundinnen und die Familie sind Sofia Reyna im Leben am wichtigsten. Das sei ihr besonders bewusst geworden, wie ihr erstes Album HALF A GIRL herausgekommen sei. „Wie krass da alle mitgefiebert haben, was das eigentlich für ein großes Ding war - im Nachhinein gesehen. Und wie viel alle dafür gemacht haben. Meine Freundinnen waren immer die ersten, die meine neuen Songs gehört und gesagt haben, was sie davon halten. Meine Mama ist ständig mit mir irgendwohin gefahren, sei es ins Studio oder um eine Gitarre oder Gewand zu kaufen. Ich bin auf Social-Media-Kanälen aktiv, meine Website muss betreut werden, da steckt viel Arbeit dahinter. Ich tu so viel ich kann, aber meine Mama auch, und alle, die etwas damit zu tun haben.“ Sofias Mama, die an der Fachhochschule in Wiener Neustadt eine Abteilung leitet, meint, sie sei das Managen gewohnt, besonders gern mache sie es für Sofia und sie freue sich aus ganzen Herzen über die musikalischen Erfolge ihrer Tochter. Immer wieder tritt Sofia auf, unter anderem letzten Dezember bei einem Fest der Verrückten Jugend Aktion (VJA), der Jugendgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbands Wien, Niederösterreich, Burgenland. Wie geht es ihr auf der Bühne? Welche Rolle spielt es, dass sie nicht sehen kann, wie das Publikum auf ihre Musik reagiert? „Ich bin auf den Applaus am Ende eines Songs angewiesen oder dass man mir nachher sagt, wie man es empfunden hat. Das ist für mich immer sehr schön, weil ich so mitbekomme, was ich abgeliefert habe und was meine Musik mit den Leuten gemacht hat. Wenn mir jemand sagt, er habe Gänsehaut bekommen oder geweint, dann weiß ich, dass ich mit meinen Songs erreicht habe, was ich erreichen will.“
Das Album HALF A GIRL sowie die drei Singles sind direkt bei Sofia Reyna erhältlich: sofia.li@icloud.com, bei Liveauftritten sowie im CD- und Schallplattenhandel Monroe in Eisenstadt.
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