Portraits

Traumberuf Radiomoderator
Dominic Schmid im Portrait
Der dreißigjährige sehbehinderte Tiroler arbeitet beim ORF in Wien in der Redaktion Barrierefreiheit und Inklusion und gestaltet für den Blinden- und Sehbehindertenverband Wien, Niederösterreich, Burgenland (BSVWNB) einen Podcast. Und mit dem Radio verbindet ihn schon eine lange Geschichte.
Bereits als Volksschüler hört Dominic aufmerksam zu, wenn die Familie unterwegs ist und im Autoradio Nachrichten gesendet werden. Im Alter von neun Jahren bekommt er sein eigenes Gerät, ein tragbares Radio mit CD Player und Kassettenrekorder. Damals topmodern, „mittlerweile habe ich so ein Gerät schon im Museum gesehen“, merkt er amüsiert an. Das eigene Radio wird zum Tor zur Welt. Der Bub experimentiert, dreht an den Knöpfen herum, entdeckt die Mittelwelle und hört englische, spanische oder kroatische Sender, auch wenn er kein Wort versteht. Als der Jugendliche Zugang zu Internetradio erhält, interessiert er sich für Sender aus Großbritannien, Australien und Südafrika. Inzwischen spricht er Englisch, später lernt er auch Französisch und Spanisch und begibt sich auf die Suche nach entlegenen Radiostationen, der nördlichsten, der höchstgelegenen oder der südlichsten.
„Ich bin draufgekommen, dass eine Insel zu Chile gehört, die ganz im Süden liegt, sie heißt Navarino und eine Zeitlang habe ich diesen Radiosender gehört. Dann wollte ich wissen, wo der höchstgelegene Radiosender zu finden ist, das ist in Cerro de Pasco in Peru, die Stadt liegt auf ungefähr 4300 Meter Seehöhe. Dann gibt es ganz im Norden von Alaska einen Ort, er heißt Utqiaġvik, hat knapp 5000 Einwohner und eine Radiostation. Viele Jahre habe ich immer wieder Radiostationen aus abseitigen Weltgegenden gehört, inzwischen bin ich auch ein großer Fan von Podcasts.“
Dominic Schmid hört nicht nur gerne Podcasts, er gestaltet für den BSVWNB den Podcast Blinde Begegnungen. Im Mittelpunkt stehen Themen, die Menschen, die blind oder sehbehindert sind, besonders interessieren und betreffen. Es sollen Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, Leistungen des Verbands vorgestellt und Veranstaltungstipps gegeben werden. „In einer Folge stellen wir das Orientierungs- und Mobilitätstraining (O&M) vor. In einer anderen geht es um das Thema Blind studieren.“ Der Podcast kann über Spotify abgerufen werden. https://open.spotify.com/show/2n5Zp4uGnNlUrXiJPEJfhT

Aufgewachsen ist Dominic Schmid zusammen mit seinem älteren Bruder in Schwendt, in einem kleinen Ort im Bezirk Kitzbühel. „Meine Sehbehinderung habe ich von Geburt an, weil ich zu früh auf die Welt gekommen bin.“ Der Bub besucht die Volksschule in seinem Heimatort, unterstützt wird er dabei von einem Inklusionslehrer. „Er hat nie von vornherein gesagt, das geht nicht, das ist zu schwierig. Er hat immer gemeint, probieren wir es einmal aus, wenn es gar nicht geht, schalten wir ein, zwei Stufen zurück.“ Ab der dritten Klasse Volksschule verwendet Dominic einen PC mit Braillezeile und Bildschirmvergrößerung. Beide Hilfsmittel nutzt er nach wie vor. Eine Lehrerin vom Sonderpädagogischen Zentrum in Innsbruck kommt nach Schwendt und vermittelt dem Volksschüler die Brailleschrift. Und sein Inklusionslehrer aus der Volksschulzeit ist später auch in der Hauptschule für ihn da.
„Für mich hat die Inklusion in allen Schultypen gut funktioniert. Wie ich älter war, in der Handelsschule und -akademie, habe ich selbst gewusst, in welcher Form ich die Unterlagen brauche. Die Lehrkräfte haben ihre Materialien ohnehin am PC. Für die anderen haben sie die Übungen ausgedruckt, mir haben sie sie auf einem Stick gegeben. Die Lehrer:innen waren kooperativ.“
Den Eltern, die Mutter ist Lehrerin, der Vater arbeitet bei der Gemeinde, ist es sehr wichtig, dass ihr Sohn die Regelschule besuchen kann. Sie wollen nicht, dass der Bub im Alter von sechs Jahren nach Innsbruck ins Internat gehen muss. Sie möchten, dass er in seinem gewohnten Umfeld bleiben kann. „Ich habe in Schwendt den Kindergarten besucht, ich hatte dort meine Freund:innen, und wir sind dann gemeinsam in die Schule gekommen.“ In der Volksschule sei es mit den anderen Kindern unkompliziert gewesen. In der Hauptschule sei der Ton rauer geworden. „Besonders bei den Burschen, da wird gerauft und geschubst, da geht man am besten nicht hin. Später, wenn die Pubertät durchgemacht ist, wird es wieder besser, weil die Schulkolleg:innen reifer geworden sind.“
In der Familie wird gespielt und zu festlichen Anlässen gemeinsam gesungen. Die Mutter liest den beiden Buben, solange sie klein sind, Geschichten vor. Später spielen die Brüder Brettspiele, gelegentlich auch Computerspiele. Im Winter geht die Familie Langlaufen, das macht Dominic Schmid heute noch gerne, wenn er im Winter die Eltern in Tirol besucht und wenn es genug Schnee gibt. „Langlaufen habe ich schon früh gelernt, da habe ich mich sicher gefühlt, weil ich mich in einer Spur bewegen kann, die Spur führt mich.“ Als Jugendlicher lernt Dominic auch Skifahren. „Das war bei der Skiwoche in der Hauptschule. Da war mein Inklusionslehrer dabei und er hat vorgeschlagen, mir das Skifahren beizubringen. So habe ich es gelernt und es macht mir nach wie vor Freude.“

Nach der Matura geht der junge Mann nach Salzburg, ihn interessiert die Welt der Medien und er studiert Kommunikationswissenschaften. Während dieser Zeit sammelt der Radiofreak erste praktische Erfahrungen. Er arbeitet bei der Radiofabrik, bei einem freien Radiosender mit, moderiert eine Magazinsendung und macht Beiträge zu verschiedenen Themen. „Das war eine tolle Erfahrung.“ Später, Wien ist nach dem Studium in Salzburg seine nächste Station, hat der radiobegeisterte Tiroler die Gelegenheit, beim Radiosender Ö1 hineinzuschnuppern. In Wien bietet sich für Dominic Schmid auch die Möglichkeit, ein Praktikum beim ORF Fernsehen zu machen, und zwar beim Bürgeranwalt. Ein weiteres Praktikum folgt, und seit eineinhalb Jahren arbeitet er in der Redaktion Barrierefreiheit und Inklusion beim ORF. Der öffentlich-rechtliche Sender kommt seinem Auftrag nach und erweitert laufend das barrierefreie Angebot. Dazu zählen Untertitelung, Audiodeskription, Österreichische Gebärdensprache sowie Nachrichten in Einfacher Sprache.
„Ich mache Untertitel für Sendungen und ich höre Hörfilme, also ich überprüfe, ob die Audiodeskription vollständig, verständlich und nachvollziehbar ist. Wir sind ungefähr vierzig Kolleg:innen, die sich um ein möglichst barrierefreies Programm kümmern, die meisten arbeiten Teilzeit.“
Auch im Bereich der Printmedien sammelt Dominic Schmid Erfahrungen. Für die Wiener Bezirkszeitung gestaltet er eine Serie über die 23 Bezirke. In jedem Bezirk sucht er sich einen Ort aus, den er aus der Perspektive eines sehbehinderten Menschen beschreibt. Seine Erkundungstour durch die Stadt beginnt mit einem Besuch des Friedhofs der Namenlosen im elften Wiener Gemeindebezirk. Für diese Reihe ist er unter anderem im Kardinal Nagl Park, auf der Mariahilfer Straße und in der Seestadt unterwegs gewesen.

Ausbildung und Jobmöglichkeiten erfordern Ortswechsel, eine besondere Herausforderung für Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind. Der angehende Student entscheidet sich bewusst für Salzburg, da es einfacher sei, sich in einer kleineren Stadt zu orientieren und zurechtzufinden. „Wie ich nach Salzburg gekommen bin, bin ich den Weg von meiner Wohnung zur Uni mit einem Mobilitätstrainer abgegangen. Diesen Weg musste ich mir einprägen, das hat dann gut geklappt. Wie ich nach Wien übersiedelt bin, hat mein Bruder, der auch in Wien lebt, mit mir zusammen den Weg zur Arbeit erkundet. Ich nutze auch Apps, um mich zu orientieren und auf manchen Wegen begleitet mich jemand.“
Unterwegs sein, andere Menschen und Länder kennenlernen, interessiert Dominic Schmid sehr, auch wenn der Job derzeit nicht so viel Zeit dafür lässt. Gerne erinnert er sich an seine Aufenthalte in Südafrika und Belgien. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen arbeitet der junge Tiroler in Belgien in einem Heim für Menschen, die um Asyl ansuchen. Die Freiwilligen bieten Freizeitaktivitäten an und verbringen mit den geflüchteten Menschen Zeit.
„Das war eine tolle Erfahrung. Diese Arbeit hat mir sehr gut gefallen. Wir haben im Flüchtlingsheim gewohnt und ich wurde von den anderen Freiwilligen gut aufgenommen. Ich musste allerdings aufpassen, dass ich nicht als Held gesehen wurde. Es hat öfters geheißen, so toll, dass du trotz deiner Sehbehinderung in andere Länder reist und diese Arbeit machst. Aber ja, warum sollte ich das nicht?!“
Während des Studiums absolviert Dominic Schmid mit Projects Abroad, einem Anbieter für Praktika und Freiwilligenarbeit, ein Journalismus Praktikum in Südafrika. „Ich war in Kapstadt und habe bei einer Gastfamilie gewohnt, das war sehr spannend, weil man so viel vom Leben der Leute mitbekommt.“

Medien, aber ganz besonders Radio, haben ihn schon immer interessiert, und sein Berufsziel sei schon früh klar gewesen.
„Am liebsten wäre ich als Moderator im Radio tätig. Es würde mir Spaß machen, durch Sendungen zu führen, wo Musik und Beiträge gespielt werden, aber auch Veranstaltungstipps und aktuelle Informationen gegeben werden. Das wäre mein Traumjob, wenn ich es mir aussuchen könnte.“
Nach wie vor hört Dominic Schmid gerne Radio. „Wenn man viel hört, und ich höre ja schon seit zwanzig Jahren Radio, dann merkt man, wie sich die Sender und Programme verändern.“ Er stelle fest, dass viele Unterhaltungssender inzwischen viel weniger Beiträge zu unterschiedlichen Themen und viel mehr Musik bringen würden. Und die Frage, ob es das Radio bald nicht mehr geben werde, habe ihm bislang niemand beantworten können. Es verändere sich, es sei spannend, wie es sich entwickle. Er verfolge auch regelmäßig die Radiotests und es gebe noch immer starke Reichweiten. „Ich denke, dass das Radio nicht so bald aussterben wird“, beantwortet Dominic Schmid sich selbst die Frage. So bleibt die Zukunft offen wie auch die Möglichkeit, einmal seinen Traumjob ausüben zu können.
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