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Aktuelles

In einer Kletterhalle legen ein halbes Dutzend Menschen Klettergeschirr an.
Bildinfo: In der Kletterhalle. © BSVWNB/Michael Schrenk

Auf den Spuren von uns selbst

Aktivitäten im Rahmen des „Psychosozialen Angebots“

Von der Kletterwand bis zur Rhythmus-Improvisation

„Langsam, Zentimeter für Zentimeter schiebe ich mich nach oben. Meine Hände tasten nach dem nächsten Griff, meine Füße in den engen Schuhen stehen hoffentlich fest auf den Tritten. Manche Griffe sind gut zu greifen, fast wie eine Türschnalle. Dann gibt es aber wieder solche, die glatt und schmal sind, wenig Fläche zum Festhalten.   
Für mich ist es das erste Mal, dass ich versuche eine senkrechte Wand hinaufzuklettern. Natürlich bin ich mit Klettergurt und Seil gesichert, aber trotzdem fühle ich mich unsicher. Was, wenn meine vom Schweiß feuchte Hand abrutscht oder der Fuß auf diesem schmalen Tritt den Halt verliert?
Durchatmen, noch ein bisschen weiter hinauf. Gefühlt bin ich schon acht Meter über dem Boden. Zwei Meter, meint der Trainer. O.k., ich will trotzdem wieder runter!
Das bedeutet, ich muss die Griffe los- und mich langsam nach hinten in den Gurt sinken lassen. Eine Herausforderung und große Überwindung. Es gilt jetzt, mich vertrauensvoll in die Hände der am Boden stehenden sichernden Person zu begeben.
Das Gefühl, wieder sicheren Grund unter den Füßen zu spüren, bringt Erleichterung.
Beim zweiten Versuch bin ich schon etwas mutiger. Inzwischen habe ich mir den Sicherungsmechanismus genauer angeschaut und selbst eine Person gesichert. Das hilft mir, zu vertrauen, dass ich sicher bin.
Jetzt kann ich mich auf das Klettern besser konzentrieren. Ich bin erstaunt, wie viel Kraft ich in den Armen habe und auch, dass ich mich an sehr kleinen Griffen durchaus festhalten kann. Meine Bewegungen werden gezielter und bewusster. Erst, wenn die Beine gut stehen den nächsten Griff suchen, und auch alles ohne Hektik. Diesmal beschließe ich erst nach fünf Metern, dass es genug ist.“ (Marion Putzer-Schimack)

Der Ausflug in die Kletterhalle des Alpenvereins fand im Rahmen des „Psychosozialen Angebots“ des BSV WNB letzten Juli statt. Unsere Gruppe wurde von 2 Trainer:innen, welche schon Erfahrung mit Paraclimbing haben, angeleitet und einfühlsam begleitet.  

Das „Psychosoziale Angebot“ des BSV WNB besteht nun seit drei Jahren. Als unsere Kernaufgabe verstehen wir es, Erfahrungs- und Begegnungsräume zu schaffen. Begegnung mit sich selbst und anderen. 
Neben psychotherapeutischer Beratung im Einzel- und Gruppensetting bieten wir auch unterschiedliche Gemeinschaftserlebnisse an. Immer mit dem Fokus einer tieferen Selbsterfahrung.
Unter der sogenannten Selbsterfahrung versteht man den Prozess des Verstehen- und Kennenlernens der eigenen Person in all seiner Vielschichtigkeit. 
Sich selbst in seiner Ganzheit wahrzunehmen, mit all den eigenen Qualitäten und sogenannten Schwächen, den eigenen Strategien und Mechanismen, den eigenen Wertvorstellungen und Konzepten. Oft geht es auch um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, mit dem eigenen Geworden-Sein. Je besser wir uns kennen, umso bewusster und aktiver können wir handeln bzw. unser Leben gestalten.


Unsere Suche nach Erfahrungsräumen
Eine von uns oft gewählte Art und Weise, diese Erfahrungsräume zu finden ist, dass wir etwas wählen, was uns auf unseren eigenen Wegen der Selbsterfahrung geholfen hat bzw. hilft. So kam das Klettern ins Spiel.

Schnupperangebot Klettern – Was die Wand uns lehren kann.

„Selbst erst vor kurzem zum Klettern begonnen, war ich von Beginn an beeindruckt, wie viel an Erleben das Klettern bietet. Den eigenen Körper zu spüren, ihn wahrzunehmen und die eigene Selbstwirksamkeit zu erleben. 
Die Qualität des Kletterns als Erfahrungsraum ist für mich vor allem dadurch gegeben, dass ich fast nicht anders könne, als im Hier und Jetzt zu sein. Der nächste Schritt, der nächste Griff, dafür braucht es Gegenwärtigkeit, dafür braucht es Präsenz.“ (Katharina Deitmayer)


Der gegenwärtige Moment bietet die Möglichkeit, uns auf unsere Aufgaben zu konzentrieren, klarer zu denken, bewusster und aktiver zu handeln und eine tiefere Verbindung zu uns selbst und unserem Leben zu spüren.
Das Klettern bietet eine Möglichkeit, die eigenen Grenzen kennenzulernen und sich mit Herausforderungen auseinanderzusetzen. Dies kann das Selbstvertrauen und die psychische Widerstandsfähigkeit stärken. Zu erleben, aus eigener Kraft was zu schaffen, kann guttun. Auch das Scheitern, das bei fast jeder Klettereinheit ein Teilaspekt ist, kann als Lernprozess gesehen werden und die Frustrationstoleranz schulen.
Klettern kann also therapeutisch wirksam sein.


Schauplatzwechsel: Feel the groove – Rhythmus-Improvisations-Workshop


„Eine Wiese auf den Wiener Steinhofgründen an einem lauen Sommerabend. Wir sitzen auf mitgebrachten Decken im Kreis, jeder/jede von uns hält ein Instrument in der Hand.
Heute ist Percussion angesagt. Unser Workshopleiter, Bernhard Weiss, leitet uns ein wenig an. Er spielt eine große Djembe und gibt zu Beginn den Rhythmus vor. Später lässt er uns eigene Rhythmen kreieren und mit den verschiedensten Instrumenten experimentieren. Wir versuchen, aufeinander zu hören und so ein gemeinsames „Musikstück“ zu spielen.
Zuerst bin ich sehr konzentriert, ich möchte im Takt bleiben und, dass es „richtig“ klingt. Irgendwann spüre ich, dass meine Hände locker werden, fast zu fliegen beginnen. „Wird schon passen“, denke ich noch und dann trommle ich einfach nur mehr, ohne nachzudenken. Vielleicht ist es das, was man als “im Flow sein“ bezeichnet.“ (Marion Putzer-Schimack)

Die Idee dieses Selbsterfahrungsangebots war es, Begegnung mit Rhythmus zu ermöglichen. Wir sind rhythmische Wesen – tief verwoben mit den Zyklen der Natur und den Rhythmen des eigenen Körpers.
Bereits im Mutterleib entwickeln sich Babys umgeben von dem beruhigenden Herzschlag ihrer Mutter. Musik im weitesten Sinne kann mit ihren wiederkehrenden Elementen einen ähnlich verlässlichen und haltgebenden Effekt auf uns haben.

Bernhard Weiss, der uns durch diese Rhythmuserfahrung begleitet hat, ist Percussionist, Multiinstrumentalist und Musikschaffender. Er lernte unter anderem bei Meistertrommlern in Westafrika und Kuba. Seit Jahren ist er Rhythmuspädagoge und spielt als Live-Musiker auf unterschiedlichen Bühnen.


Erneuter Schauplatzwechsel: Focusing – Der eigenen körperlichen Weisheit auf der Spur.


Wir sitzen in den gemütlichen Praxis-Räumen von Lore Korbei und lernen an diesem Nachmittag Focusing kennen. 
Lore serviert uns Kaffee und die Reste von ihrem Geburtstagskuchen (80er!) und ist bemüht an diesem heißen Sommertag eine gewisse Wohlfühltemperatur zu „erzeugen“. Sie ist Psychotherapeutin, Autorin und war viele Jahre in engem Austausch mit Gendlin, dem Begründer von Focusing.
Focusing kann ein direkter Weg sein, mit unserer inneren Weisheit in Kontakt zu treten. Es bedeutet also sich dem eigenen inneren Erleben anzunähern und diesem Erleben möglichst mit Achtsamkeit und Interesse zu begegnen. Dadurch kann es möglich werden, Festgefahrenes wieder in Bewegung zu bringen, zu verändern und kann nächste frische Schritte anstoßen.
Um uns Focusing näherzubringen, bietet Lore unterschiedliche Körperwahrnehmungsübungen an und erzählt uns einiges über die theoretischen Hintergründe. Es war ein erfahrungsreicher und intensiver Nachmittag.

Wer steht hinter dem „Psychosozialen Angebot“ des BSV WNB: Wir sind Marion Putzer-Schimack (Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision), selbst blind, und Katharina Deitmayer (Psychotherapeutin), sehend. 
Was bieten wir sonst noch an: Vorträge zu unterschiedlichen psychosozialen Themen wie z.B.: Smartphonesucht, Psychopharmaka, Sexuelle Gesundheit, Essen gegen Depression, …
Wie sind wir erreichbar: 
E-Mail: psychosozial(at)blindenverband-wnb.at
Telefon: +43 1 981 89 865
Mobil Marion Putzer-Schimack: 0676 855 214 527
 

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