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Eine Frau mit Augenbinde und weißem Stock beim Heck eines geparkten Autos, eine weitere Frau steht daneben und beobachtet.
Bildinfo: Szene einer Trainingseinheit bei der Ausbildung zur Fachkraft für Orientierung & Mobilität. © BAABSV

Sicher durch die Welt

Als Praktikant bei der BAABSV hatte ich die Möglichkeit, zwei Trainingseinheiten der Ausbildung zum/zur Orientierungs- & Mobilitätstrainer:in zu begleiten, welche am 7. Jänner 2026 gestartet ist.

Erfahrungsbericht

Die Dauer des Lehrgangs beträgt 12 Monate und 1.200 Ausbildungsstunden. In der Basisschulung werden u.a. allgemeine Theorie, Selbsterfahrung unter der Augenbinde und Simulationsbrille sowie Training in Dunkelheit und Dämmerung gelehrt. Danach folgt die Lehrpraxis, in der es vor allem um die praktische Umsetzung an Klient:innen geht. An erster Stelle stehen dabei stets die individuellen Bedürfnisse der Klient:innen, die in einem Erstgespräch geklärt werden, seien es die Benützung von öffentlichen Verkehrsmitteln, die Verwendung des Langstocks oder die Erarbeitung eines neuen Wegs (z.B. nach Umzug). Das Trainingsangebot ist umfangreich und kann nach den Wünschen der Person, die es in Anspruch nimmt, zusammengestellt werden. Ziel ist dabei stets den Klient:innen Mobilität und Orientierung in ihrem Alltag optimal zu ermöglichen. 
Wenn man als relativ gut Sehender ein Training dieser Art mitmacht, wird einem erst bewusst, womit blinde oder sehbehinderte Personen jeden Tag betroffen sind. Einfaches wie Treppensteigen ist eben nicht für alle Menschen „einfach“. Leitstreifen gibt es auf Bahnhöfen und Amtshäusern aber selten in Wohngegenden. Manches muss gelernt werden und die Trainingseinheiten finden sowohl innen als auch außen statt.

Erste Schritte innen

Eine der wichtigsten Unterrichtseinheiten beschäftigt sich mit den Grundlagen der Stockführung. Ein Langstock wird immer gerade nach unten geöffnet. Zuerst löst man die einzelnen Elemente voneinander und lässt sie nach unten fallen. Der innere Gummizug des Stocks zieht die einzelnen Teile dann fest zusammen. Mittels der Teleskopfunktion kann der Griff des Stocks nach oben gezogen und an die Größe der Klient:innen angepasst werden. 
Auch die weiße Farbe des Langstocks dient der Sicherheit. Menschen mit Sehbehinderung, die im Straßenverkehr mit weißem Stock oder gelber Armbinde erkennbar sind, sind nach § 3 StVO vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen. Andere Verkehrsteilnehmende dürfen sich daher nicht darauf verlassen, dass blinde und sehbehinderte Personen sich in jeder Situation regelkonform verhalten, und müssen ihre Fahrweise entsprechend anpassen – etwa durch reduzierte Geschwindigkeit und Bremsbereitschaft. Ob im Fall eines Unfalls eine Haftung oder ein Mitverschulden vorliegt, hängt jedoch vom konkreten Einzelfall ab.
Damit die Klient:innen auch abends unterwegs sein können, verfügen manche Stöcke zusätzlich über eine reflektierende Oberfläche, mit der die Sichtbarkeit erhöht wird.
Ich bin überrascht, dass es so viele Infos zum Langstock gibt, das Utensil ist komplexer, als es scheint. Und nun lernen wir ihn anzuwenden.  
Steht der oder die Klient:in, wendet die Person den Bleistiftgriff an. Hier wird der Stock gerade nach unten und nah am Körper gehalten, damit niemand darüber stolpert oder davon behindert wird. Als Basis für das Fortbewegen mit weißem Stock gilt die Pendelschleiftechnik. Hier wird der Stockgriff in Höhe des Bauchnabels gehalten, durch lockeres Schwingen aus Oberarm und Ellenbogen wird die Stockspitze leicht über den Boden geschleift. Damit wird das Handgelenk nicht zu sehr beansprucht und es kann zu keiner Sehnenscheidenentzündung kommen.  Die Schritte und die Stockbewegungen verlaufen hier gegengleich: Rechter Fuß nach vorn, Stock nach links. Linker Fuß nach vorn, Stock nach rechts. Die Schwingbewegung sollte idealerweise in Schulterbreite erfolgen. Das hört sich wahrscheinlich komplizierter an, als es ist, mit ein bisschen Übung ist es nicht schwer in diesen Rhythmus hineinzufinden, wie ich persönlich herausfand.
 


Und jetzt hinaus in die Öffentlichkeit

Das Außentraining findet bei jedem Wetter statt, egal ob Sonne, Regen oder Schnee – wie im wirklichen Leben. Zum Glück haben wir strahlenden Sonnenschein ohne eine Wolke. Standort ist eine schöne Wohngegend im 14. Wiener Gemeindebezirk. 
Ein Wohnhaus hat meistens vier Ecken und eine davon macht man sich im Training zu Nutze, indem man sie als Ausgangspunkt bestimmt. Wichtig ist hierbei, dass sie durch zwei oder drei Merkmale leicht wiederzuerkennen ist. Das kann z.B. eine Blechverkleidung sein, oder eine Wärmedämmung, die hohl klingt, wenn man an sie klopft. Manchmal verläuft die Wand auch nicht gerade, sondern in Wellen oder hat Stuckmuster. Als nächstes wird die Hauswand als innere Leitlinie festgelegt, die Gehsteinkante als äußere. Und schon lerne ich wieder einen neuen Begriff: die Drei Punkt Technik. Hierbei wird die Stockspitze von der Hauswand (Punkt 1) am Boden zur Seite geschwungen und erreicht, in der schon erwähnten Schulterbreite, Punkt 2.  Danach geht der Stock wieder in Richtung Hauswand zurück, allerdings in eine Höhe von ungefähr 20 Centimetern, Punkt 3. Damit können Hauseingänge leicht erkannt werden, und das bringt uns gleich zum Thema Türen. Die haben nämlich auch verschiedene Merkmale, die man sich einprägen kann. Sprechanlage links oder rechts? Türknauf rund oder eckig? Türe aus Holz oder mit Glasverkleidung? Ebenerdiger Eingang oder Stufe? Nach und nach werden nun alle Hausseiten erkundet, Details im Kopf abgespeichert und danach geht es wieder zurück zum Ausgangspunkt. Zum Abschluss wird das Haus als Ganzes umrundet, und alle Eingänge, darunter auch eine Garageneinfahrt, werden vom Klienten gut erkannt. 
Auch die anderen Sinne werden in die Trainings eingebaut. Hier ist speziell das Gehör zu erwähnen. Mittels Hörübungen lernen die Klient:innen sich nach dem Verkehr auszurichten und sich über Geräusche orientieren zu können (z.B. Spielplätze, Baustellen, Marktlärm, Kreuzungen, usw.). Auch der Temperatursinn ist wichtig und die Einflüsse von Sonne, Wind und Schatten werden erklärt.

Zu zweit statt allein

Damit blinde und sehbehinderte Menschen auch ein Konzert genießen können, ist eine Begleitperson notwendig. Die Begleitpersonen sind hier immer einen Schritt vor den Klient:innen, die sich an deren Ellbogen festhalten. Ist genug Platz rundherum, ist das gemeinsame Gehen recht einfach. 
Bei engen Stellen zieht die Begleitperson den Arm der begleiteten Person nach vorn, damit die beiden weniger Platz benötigen. Bei sehr engen Stellen hingegen hält sich die begleitete Person am Handgelenk der Begleitperson an, so bewegen sich die beiden mehr hintereinander als nebeneinander und können die sehr enge Stelle gut passieren. Wichtig ist auch, dass die Begleitperson vorher „Enge Stelle“ bzw. „Sehr enge Stelle“ ankündigt. 
Bei Türen ist die Begleitperson immer auf der Seite der Türklinke und die begleitete Person auf der Seite des Scharniers. Die Begleitperson macht die Türe auf, geht voran und die begleitete Person übernimmt dann das Türaufhalten, damit beide das Hindernis passieren können. 
Ist eine Treppe im Weg, stellen sich beide nah und nebeneinander an den Treppenbeginn. Dann gibt die Begleitperson die Anleitung „Treppe aufwärts Anfang“ und macht den ersten Schritt. Die begleitete Person folgt, immer einen Schritt dahinter. Am Ende heißt es dann „Treppe aufwärts Ende“, die Begleitperson bleibt stehen, bis beide wieder auf gleicher Höhe sind. Das funktioniert natürlich auch mit „Treppe abwärts“. 
Der Klient und seine Ehefrau, die ich bei diesen Übungen beobachten durfte, waren bereits ein gut aufeinander eingespieltes Team und haben alle Aufgaben problemlos bewältigt.

Fazit

Die beiden Trainingseinheiten waren für mich Ausflüge in eine Welt, die mir bislang unbekannt war. Ich werde in Zukunft wohl nicht mehr alles als selbstverständlich ansehen und versuchen meine Umgebung bewusster wahrzunehmen, denn ob ein Türknauf nun rund oder eckig ist, hat mich nie wirklich gekümmert. 
Besonders betonen möchte ich auch die angenehme und spielerische Art und Weise, wie die Lerninhalte vermittelt werden. Es war immer mal Zeit für eine lockere Bemerkung und die Klient:innen fühlten sich gut aufgehoben. Note 1 plus.

 

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