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Auf einem Tisch sind knapp ein Dutzend Werkzeuge wie Hammer oder Metallkeile nebeneinander aufgelegt, eine Hand tastet danach.
Bildinfo: Werkzeuge, die bei der Taststation über den Stephansdom im Wien Museum aufliegen sollen, werden vorab ertastet. © Wien Museum

Museum für alle

Was habe ich als blinde oder sehbehinderte Person davon, in ein Museum oder eine Ausstellung zu gehen? Sehr viel, wenn die Inhalte entsprechend präsentiert werden. Dazu tragen drei engagierte und kulturinteressierte Frauen bei.

Wir haben Dr.in Susanne Buchner-Sabathy, Veronika Mayer und Margarete Waba, Mitglieder des BSVWNB, zum Interview gebeten.

Im Wien Museum, in der Niederösterreichischen Landesausstellung 2026 oder im Kunsthistorischen Museum, um nur einige Beispiele zu nennen, ist ein interessanter und gewinnbringender Ausstellungs- und Museumsbesuch für Menschen die blind oder sehbehindert sind möglich. Denn es hat sich, langsam aber doch, etwas verändert. Die Verantwortlichen in Museen und anderen Kulturinstitutionen wollen ihre Türen für möglichst viele Menschen öffnen und suchen die Zusammenarbeit mit Betroffenen.

Buchner-Sabathy: Das Wien Museum ist im Jahr 2021 an den Blinden- und Sehbehindertenverband herangetreten. Man wollte die neue Dauerausstellung im Wien Museum in Kooperation mit blinden und sehbehinderten Menschen möglichst barrierefrei planen. Ich wurde gefragt, ob ich mitarbeiten möchte, mich hat das Thema sehr interessiert. Aber ich wollte es nicht alleine, sondern mit anderen kunst- und kulturinteressierten und tasterfahrenen Personen machen. Es hat mich sehr gefreut, dass Veronika und Margarete sich dafür begeistern ließen und seitdem stehen wir als Fokusgruppe Kulturinstitutionen mit unserer Erfahrung und Expertise zur Verfügung. Seit Anfang 2022 begleiten wir das Wien Museum und arbeiten nach wie vor zusammen, weil die Museumsverantwortlichen auch die jeweiligen Sonderausstellungen barrierefrei gestalten möchten.


Inzwischen werden Sie von Mitarbeiter:innen unterschiedlicher Kulturinstitutionen kontaktiert, wie von der Österreichischen Galerie Belvedere, vom Haus der Geschichte, von der Secession, vom Wiesenthal Museum, vom Kunsthaus, vom Technischen Museum oder vom Künstlerhaus, um noch ein paar weitere Einrichtungen zu nennen. Wie schaut diese Zusammenarbeit konkret aus?

Buchner-Sabathy: Wir sind mit unterschiedlichen Projekten befasst. Es kann sein, dass eine Institution eine barrierefreie Dauerausstellung oder Pop-up Ausstellung plant. Es kann sein, dass ein Museum ein Konzept für eine inklusive Führung entwickeln und seine Kunstvermittler:innen schulen lassen möchte. Oder dass eine Institution ein taktiles Bodenleitsystem, tastbare Objekte oder eine Beschriftung mit Braille bekommen soll. Wir setzen uns dann mit den bestehenden Ideen auseinander, geben Feedback dazu und testen die neuen Angebote. Das ist ein längerer Prozess, es gibt in der Regel mehrere Termine bis passende Lösungen entwickelt werden. Wir drei Frauen sind sehr gut aufeinander abgestimmt. Wir können zu dritt ein viel breiteres Spektrum abdecken als eine Person allein es könnte, gleichzeitig haben wir drei mittlerweile viel Erfahrung und unsere Perspektiven ergänzen sich sehr gut.

Waba: Jede Situation ist anders, jedes Museum, jede Ausstellung ist anders. Es gibt immer wieder unterschiedliche An- und Herausforderungen. Es braucht immer wieder eine individuelle, maßgeschneiderte Lösung. Meistens ist schon sehr viel vorgegeben, im Wien Museum war das anders. Wir waren bei der Neugestaltung von Anfang an miteinbezogen.  Das passiert selten und ist ideal.

Buchner-Sabathy: Unsere Arbeit als Fokusgruppe lässt sich am besten so beschreiben - Wissen entsteht im Austausch. Also es ist anders, als wenn ich als Expertin für digitale Barrierefreiheit auftrete, dann habe ich im Kopf, was ich sagen werde. Hier ist es so, dass man in konkreten Umgebungen mit konkreten Anforderungen Lösungen entwickelt. Das ist sehr spannend. Wir haben das Ziel, für jede Situation eine möglichst gute Lösung zu entwickeln. Es geht immer um die Frage, wie Inhalte blinden und sehbehinderten Menschen möglichst gut zugänglich gemacht werden können. Als blinde Personen wissen wir, wie man sich am besten einem Tastbild nähert, wie wir am leichtesten Brailleschrift lesen können, was wir zur Orientierung im Raum benötigen. Diese Dinge wissen Inklusionsbeauftragte in einem Museum nicht. Es ist auch so, dass wir drei mitunter für ein- und dieselbe Sache unterschiedliche Lösungen bevorzugen. Es geht also um ein gemeinsames Erforschen, nicht um ein fertiges Wissen, das wir weitergeben. Im Laufe des Prozesses werden Lösungen gesucht, verworfen und gefunden.

Waba: Im Wien Museum haben wir zum Beispiel am taktilen Bodenleitsystem mitgearbeitet, das sich durch die ganze Dauerausstellung zieht. Meines Wissens gibt es das sonst in keinem anderen Museum in der Stadt.

Mayer: Im Naturhistorischen Museum gibt es nur im Eingangsbereich ein taktiles Bodenleitsystem, im Kunsthistorischen Museum ist gar keines, und zwar aus Gründen des Denkmalschutzes. Das zeigt schon, wie unterschiedlich die Voraussetzungen in den einzelnen Häusern und Institutionen sind. Auch im Wien Museum hatte man am Anfang Bedenken, dass das Leitsystem den Boden beschädigen könnte. Aber gerade vom Wien Museum gibt es sehr positive Rückmeldungen zum Leitsystem, wir hören auch, dass es optisch gut ausschaut.

Buchner-Sabathy: Ich kann mir als blinde Person den Ausstellungsraum im Wien Museum völlig selbstständig erschließen. Wenn es gerade passt und ich eine Stunde Zeit habe, gehe ich dorthin und schau mir einen Teil der Dauerausstellung an.

Waba: Es war eine Herausforderung, ein sinnvolles taktiles Bodenleitsystem für das Wien Museum zu erarbeiten. Daran hat auch Richard Jäkel vom BSVWNB mitgewirkt. Denn es geht um eine riesige Fläche, es sind ungefähr 3000 m², und es gibt unglaublich viele Objekte. Das Leitsystem soll aber nicht zu jedem einzelnen Schaukasten hinführen. Sondern dorthin, wo es für sehbehinderte Menschen besonders interessant ist, wo es etwas zu ertasten oder zu hören gibt. Die Ausstellungsräume sind teilweise eng, die Wege führen um Kurven und Ecken herum. Inzwischen werden auch die Sonderausstellungen mit wiederverwendbaren taktilen Bodenleitsystemen ausgestattet. Also das Wien Museum leistet einen großen Beitrag zu einem Museum für alle. 


Neben dem taktilen Bodenleitsystem sind Taststationen ein wichtiges Thema in einem Museum, also tastbare Objekte, die blinden und sehbehinderten Personen angeboten werden und einen visuellen Eindruck durch Spüren erfahrbar machen.

Mayer: Bei den Tastobjekten geht es darum, welche Materialien verwendet werden sollen, damit sich das Modell angenehm anfühlt. Oder wo und in welcher Höhe die Objekte angebracht sein sollen, damit sie bequem ertastet werden können. Ein wichtiges Thema ist auch die Beschriftung in Braille, wo soll sie stehen, welche Größe und welche Form von Brailleschrift soll verwendet werden. Es ist sinnvoll, die Standardgröße zu verwenden, denn die Punktschrift soll weder zu groß noch zu klein sein. Die Punkte dürfen auch nicht zu spitz sein, das tut sonst beim Lesen weh. Es ist zu klären, ob die Basis- oder die Kurzschrift verwendet wird, oder ob man alles klein schreibt, denn das spart Zeichen und somit Platz. Schließlich ist es auch noch wichtig, die Informationen, die in Brailleschrift angebracht sind, Korrektur zu lesen.

Waba: Was die Tastobjekte betrifft, also tastbare Modelle, Bilder oder Pläne, muss am Anfang geklärt werden, welches Objekt sich überhaupt eignet, ertastet zu werden. Es gibt im Wien Museum zum Beispiel einen Beitrag zur Geschichte des Alten AKH. Es gibt ein taktiles Objekt des Alten AKH. Dann hat man sich entschieden, vom sogenannten Narrenturm noch ein vergrößertes tastbares Detailobjekt erstellen zu lassen.

Mayer: Dann wurde diskutiert, ob dieser runde Turm als Ganzes hingestellt werden soll oder ob es nicht interessanter wäre, wenn der Turm halbiert wird und von innen erkundet werden kann. Wie groß soll man das Modell machen und wo stellt man es hin, diese Fragen müssen immer in Hinblick auf die räumlichen Gegebenheiten entschieden werden.


Ein zentrales Ausstellungsstück im Wien Museum ist ein großes Modell der inneren Stadt, der historischen Stadt. Einige Gebäude vom alten Wien wurden noch zusätzlich in vergrößerter Form dargestellt, wie zum Beispiel der Stephansdom, die Alte Universität oder ein mittelalterliches Haus.

Waba: Neben diesen Tastmodellen gibt es auch einen tastbaren Plan der Innenstadt, denn man wollte zeigen, wo sich diese Gebäude befinden. Ich gehe immer wieder hin und schaue mir Teile der Ausstellung an. Mir ist aufgefallen, dass nicht nur blinde Menschen zu diesem Tastmodell greifen. Das machen auch andere gern, man erfasst Dinge anders, wenn man sie angreift, wenn man sie begreift.

Buchner-Sabathy: Wir geben den Kulturinstitutionen, die unsere Zusammenarbeit suchen, auch eine Rückmeldung, ob die QR Codes, die in der Ausstellung weiterführende Informationen anbieten, von blinden Personen gefunden werden können. Und wir geben ein kurzes Feedback, ob die jeweilige Website barrierefrei ist. Denn die Museen beauftragen damit Firmen, können das Ergebnis aber meistens selbst nicht überprüfen.
Sie arbeiten mit Kurator:innen, Kunstvermittler:innen, Architekt:innen, mit Personen, die für den Denkmalschutz zuständig sind, mit Verantwortlichen und Inklusionsbeauftragten der verschiedenen Kulturinstitutionen zusammen. Da kommen viele unterschiedliche Interessen und Wünsche zusammen.

Buchner-Sabathy: Diese Arbeit im Team erfordert Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft, um möglichst gute Lösungen zu finden. Sie ist zugleich sehr spannend und bereichernd. Wir haben es mit anderen kunstinteressierten Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zu tun, es kommt immer wieder zu schönen Begegnungen und diese Zusammenarbeit macht uns, auch wenn sie sehr herausfordernd ist, sehr viel Freude.  Inzwischen gibt es auch die Arbeitsgemeinschaft Inklusives Museum, wo sich engagierte Personen aus verschiedenen Museen vernetzt haben. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.

Waba: Ich habe früher Museen und Ausstellungen gemieden. Warum, habe ich mir gedacht, soll ich ins Kunsthistorische Museum (KHM) gehen, wo tolle Bilder hängen, die ich kaum sehen kann. Aber durch diese neuen Möglichkeiten, im KHM gibt es zum Beispiel spezielle Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen, bin ich jetzt sehr oft in einem Museum. Viel öfter als die meisten meiner Bekannten. Es gibt inzwischen ein großes Angebot für sehbehinderte Menschen. Ich möchte alle ermutigen, die bis jetzt Museen gemieden haben, diese Angebote auszuprobieren, sich darauf einzulassen. Ich bin mir sicher, dass die eine oder der andere ein spannendes, bis dahin unbekanntes Gebiet für sich entdecken kann, das Spaß macht und viel Interessantes zu bieten hat.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

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