Portraits

„Ohne Mobilitätstraining hätte ich es niemals gewagt, mich selbstständig zu machen.“
Matthias Pirker im Portrait
Der Jungunternehmer arbeitet seit knapp zehn Jahren beim Falstaff Verlag in Wien, der ein Gourmet- und Weinmagazin herausbringt. Dort ist er für den Anzeigenverkauf zuständig, also dafür, dass Winzer:innen und Wirt:innen im Magazin und auf der Website des Verlags inserieren. Diese Tätigkeit übt er nach wie vor aus, jetzt allerdings in Teilzeit, um sein eigenes Unternehmen aufbauen zu können. „Mit meinem Arbeitgeber habe ich schriftlich vereinbart, dass ich das nebenher machen kann. Mein Ziel ist es, dass meine Firma wächst, ich möchte auch Mitarbeiter:innen einstellen.“
Der Wunsch, sich selbstständig zu machen, beschäftige ihn schon länger, doch für diesen Schritt habe ihm ein wesentlicher Baustein gefehlt.
„Ich sollte eigentlich seit zehn Jahren das Orientierungs- und Mobilitätstraining (O&M) machen, seit zehn Jahren schiebe ich es vor mir her.“
Von diesem jahrelangen Aufschieben erzählt er einem Freund, bei dem er eingeladen ist. Dieser meint lakonisch: ‚Dann mach‘ es doch!‘ Das gibt zu denken und wirkt.
Der gebürtige Kärntner, der schon lange in Wien lebt, nimmt mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband (BSVWNB) Kontakt auf und beginnt im März 2024 mit dem O&M, das sich über ein knappes halbes Jahr erstreckt. „Ich kann natürlich nicht wie ein normal sehender Geschäftsführer agieren, aber das Mobilitätstraining war der entscheidende Baustein, der mir gefehlt hat, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Denn es ist für mich immer schwieriger geworden, mobil zu sein.“ Wie bei seinem Bruder wird auch bei Matthias Pirker die Netzhauterkrankung Retinitis Pigmentosa festgestellt. Das Sehvermögen verschlechtert sich langsam, aber kontinuierlich. So wird es immer schwieriger, sich im öffentlichen Raum zu bewegen.
„Jetzt kann ich wieder Termine wahrnehmen, kann mich in den Zug setzen, nach Klagenfurt fahren und zur Wirtschaftskammer gehen, denn ich habe mein Unternehmen in Kärnten gegründet.“ Matthias Pirker hat den Kärntner Ort Bad St. Leonhard aus mehreren Gründen als Firmensitz gewählt, obwohl er seit vielen Jahren in Wien lebt und arbeitet. „Ich habe hier meine Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten. Und anders als in Ostösterreich, wo fast jeder seinen Winzer kennt, ist das in Kärnten anders. Außerdem ist es von den Behördenwegen her einfacher als in Wien. So pendle ich zwischen Kärnten und Wien hin und her. All das war für mich vor dem Mobilitätstraining nicht mehr möglich.“

Vor fünfzehn Jahren sei alles noch viel einfacher gewesen und lange habe er gedacht, es werde schon irgendwie gehen, auch wenn sich das Sehvermögen verringert. Irgendwie geht es auch, doch Matthias Pirker erlebt, dass er immer wieder Hindernisse übersieht und sich nur noch sehr langsam im öffentlichen Raum bewegen kann. Dennoch habe er vor dem O&M zurückgeschreckt, weil der weiße Stock ihn eindeutig als sehbehinderte Person ausweise. „Aber genau das ist zugleich der große Vorteil, denn jetzt bin ich viel sicherer unterwegs, weil die anderen wissen, dass ich eine Sehbehinderung habe. Sollte ein Unfall passieren, ist es wegen der Versicherung auch wichtig, dass ich mit Stock und Schleife unterwegs bin. Und meine Mitmenschen können mir ihre Hilfe anbieten. Es hat mich positiv überrascht, wie sehr die Leute bereit sind, mich zu unterstützen.“ Der Jungunternehmer ist seit dem O&M nicht nur mobiler, sicherer und schneller unterwegs. Er spürt auch, wie sehr es ihn entlastet, diesen Schritt gemacht zu haben.
„Ich habe das O&M jahrelang vor mir hergeschoben, weil ich irgendwie Angst davor hatte. Aber das ist psychisch sehr belastend.“
Diese positiven Auswirkungen des O&M setzen neue Energien frei und ermöglichen es dem Mittvierziger, sich seinen langgehegten Wunsch zu erfüllen.
Aufgewachsen ist Matthias Pirker mit zwei jüngeren Geschwistern auf einem Bergbauernhof in Schiefling im Lavanttal in Kärnten. In der Schulzeit spielt seine Netzhauterkrankung kaum eine Rolle. Im Alter von achtzehn Jahren macht er auch den Führerschein. Erst mit Mitte zwanzig verschlechtert sich sein Sehvermögen sehr stark. Nach der Matura geht der junge Mann nach Wien, um zu studieren. Die Stadt ist ihm bereits vertraut, denn als Teenager verbringt er in den Sommerferien immer wieder Zeit bei einem Onkel, der in der Bundeshauptstadt lebt. Matthias studiert zunächst Theaterwissenschaften und Afrikanistik, doch dann entscheidet er sich für eine praxisbezogene Multimedia Ausbildung, die er mit einem Diplom abschließt. Bereits damals, das ist im Jahr 2003, denkt er darüber nach, sich selbstständig zu machen. Doch es ist wirtschaftlich gesehen keine günstige Zeit, ein Unternehmen zu gründen. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet der Wahlwiener in einem Callcenter. Er ist ambitioniert, steigt auf und ist lange als Abteilungsleiter tätig. Im Jahr 2016 wechselt er zum Falstaff Verlag, wo er, wie schon erwähnt, in der Inseratenabteilung arbeitet.

Seit ungefähr zwanzig Jahren erlebt Matthias Pirker, dass sich sein Sehvermögen verringert. Besonders deutlich nimmt er es wahr, wenn er vergleicht, was er vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren noch gesehen hat. Wie geht er damit um? „Ich sehe das so, wenn ich etwas nicht verändern kann, muss ich lernen, damit zu leben. Das ist nicht immer einfach, nicht jeder Tag ist gleich, aber meistens gelingt es mir recht gut.“ Besonders anstrengend ist es für ihn, vom Dunklen ins Helle oder umgekehrt zu wechseln. Wenn er zum Beispiel aus einer U-Bahnstation herauskommt, muss er stehen bleiben, seine Brille wechseln und warten, bis sich seine Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Sein Naturell erleichtere es ihm, sich immer wieder an neue Situationen anzupassen. „Ich glaube, ich war schon immer ein optimistischer Mensch. Ich bin fast immer gut drauf, ich bin vielleicht an zwei, drei Tagen des Jahres grantig. Ich bin auch kreativ, beides erleichtert mir das Leben.“ Dazu komme, dass er im Lauf des Älterwerdens besser einzuschätzen gelernt habe, was er könne und welchen Wert er in der Berufswelt habe.
„Ich war zehn Jahre in einer Führungsposition, das macht man nicht, wenn man nicht in der Lage dazu ist, das ist eine Bestätigung für das, was man kann.“
Wichtig ist dem gebürtigen Kärntner zu betonen, dass die Seheinschränkung nur eine seiner vielen Eigenschaften sei. Er mache kein großes Thema daraus, wenn ihn aber jemand darauf anspreche, erzähle er seine Geschichte gerne. Wenn er Unterstützung braucht, bekommt er sie von seiner Familie, seinen Freund:innen und nicht zuletzt von seinem Partner, mit dem er seit dreizehn Jahren verheiratet ist. Es sei allerdings nicht immer einfach für seinen Mann zu verstehen, wann er wieviel Hilfe benötige, da sich sein Sehvermögen immer wieder verändere. Da helfe nur eines: „Man muss über die Dinge offen reden. Und es ist ja so, dass man sich in einer Beziehung wechselseitig unterstützt. Einmal braucht mein Mann etwas von mir, einmal brauche ich etwas von ihm.“ Matthias Pirker bringt ein Beispiel, wie sich sein Sehvermögen verändert. „Ich war im Jahr 2015 mit der Schwiegerfamilie in Schloss Hof. Ich habe damals noch fotografiert, obwohl ich nicht mehr so gut sehen konnte. Dann fast zehn Jahre später war ich mit meiner Schwägerin noch einmal dort. Für einen Moment war ich sehr schockiert, weil ich Schloss Hof anders in Erinnerung hatte. Mir wurde bewusst, dass ich in diesen zehn Jahren viele Detailwahrnehmungen verloren habe, die ich davor noch hatte.“ Darüber zu reden, sei entscheidend, ob privat oder beruflich. Man müsse seine Situation erklären, den anderen sagen, welche Unterstützung man benötige. Das sei für alle hilfreich und erleichternd. Die technische Entwicklung trage ebenfalls dazu bei, den Alltag mit einer Sehbehinderung besser zu bewältigen. Matthias Pirker verwendet, wenn er am PC arbeitet, einen großen Monitor und eine Bildschirmlupe. Er hört Hörbücher und nutzt am iPhone hilfreiche Apps, die er beim O&M kennengelernt hat.

Was trägt dazu bei, sich vom Arbeitsalltag zu erholen? Was macht der engagierte Jungunternehmer in seiner Freizeit? Er sei lange ein Stubenhocker gewesen, erzählt Matthias Pirker. Er habe bis vor zehn Jahren regelmäßig Computerspiele gespielt. „Ich habe beim PC auch ein Lenkrad zum Autofahren. Es hat mich schon gestört, dass ich im Alter von 25 Jahren meinen Führerschein abgeben musste. So kompensiere ich diesen Verlust ein bisschen.“ Zu seinen Hobbys zählen außerdem Musik hören und reisen. Mit zwei guten Freund:innen besucht er im Jahr 2013 Japan. Besonders beeindruckt ist er von Tokio und der alten Kaiserstadt Kyōto. Mit seinem Mann unternimmt er Städtereisen und Ausflüge in der Umgebung von Wien. Die beiden sind gastfreundlich und bekochen am Wochenende immer wieder Freund:innen. „Es kann sein, dass unsere Gäste um eins zum Mittagessen kommen und um elf am Abend heimgehen.“
Es ist Matthias Pirker wichtig, dass er seine Lebensziele verwirklichen kann. Dass er die Freiheit hat, sich seine Lebensträume zu erfüllen.
„Daher kommt auch der Drang, selbstständig zu sein. Ich frage mich öfters, wie es für mich in fünf Jahren ausschauen soll. Ob ich den gewohnten Job weitermachen will oder etwas Neues ausprobieren möchte. Und ich schätze diese Freiheit sehr, etwas Neues wagen und mein Unternehmen aufbauen zu können.“
In seinem online Wein-Shop bietet der Jungunternehmer zurzeit Weine von vier österreichischen Winzer:innen an. „Ich möchte bis Ende des Jahres auf zehn Winzer:innen kommen. Ich will neben den Privatkund:innen noch mehr Gastronomiekund:innen gewinnen.“ Um sein kleines Unternehmen bekannt zu machen, veranstaltet er Events wie wine and dine. Dabei arbeitet er mit Gastronom:innen zusammen, die ein mehrgängiges Menü zubereiten und zu jedem Gang wird der passende Wein verkostet, der von Matthias Pirker ausgesucht und präsentiert wird. Diese Veranstaltungen bieten ihm die Gelegenheit, bestehende Kontakte zu pflegen und neue Kund:innen zu gewinnen. Neben dem Vertrieb von Weinen richtet sich das Unternehmen creasol. FlexCo insbesondere an junge, noch weniger bekannte Winzer:innen, die an einem modernen Marketingkonzept interessiert sind. creasol ist eine Wortschöpfung aus den beiden englischen Begriffen creativ und solution, also kreativ und Lösung. Der Name ist bezeichnend für Matthias Pirker, der davon überzeugt ist, dass es im privaten wie im beruflichen Leben immer wieder darum gehe, für auftauchende Probleme kreative Lösungen zu finden.
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