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Aktuelles

Die Protagonisten des Films als Gruppe auf einem breiten Gehsteig, in Richtung Kamera kommend © Sony Pictures Filmverleih
Bildinfo: Eine WG-Gruppe auf dem Weg ins Ungewisse: Szenebild aus "Die Goldfische" mit Tom Schilling, Jella Haase, Axel Stein, Kida Khodr Ramadan, Birgit Minichmayr, Jan Henrik Stahlberg, Luisa Wöllisch © Sony Pictures Filmverleih

Wenn Bilder wirklich bewegen

Erfahrungen mit einer akustischen Filmbeschreibung, der Audiodeskription.

Filmbeschreibungen damals und heute

1978. Gebannt sitze ich vor meinem winzigen Schwarz-weiß-Fernseher, aus dessen Lautsprecher eine unheimliche Musik dringt. Die blinde Susy (Audrey Hepburn) im Film "Warte, bis es dunkel ist" hat - wie clever! - alle Glühbirnen zerschlagen, damit der Eindringling in ihrer Wohnung so wie sie nichts sehen kann. Aber er sieht sie doch. Warum nur? Wie Susy kann ich nicht sehen, was sich hier abspielt.
Etwas frustriert stürze ich zum Telefon im Vorraum, wickle in Windeseile die zehn Meter Kabel ab, kehre mit dem Apparat zum Fernseher zurück und wähle währenddessen die Nummer meiner Eltern. "Ja", tönt es etwas unwirsch aus dem Telefonhörer. So kurz angebunden kenne ich meine Mutter gar nicht, passe mich aber wegen des laufenden Films ihrer Knappheit an und frage: "Warum kann er sie sehen?" "Offener Kühlschrank ... tututut" Aufgelegt! Auch bei ihr befindet sich das Telefon im Vorraum - ohne langes Kabel! Sie musste also den Fernseher verlassen.

Wenn man so will, war das meine erste Erfahrung mit einer Filmbeschreibung, der Audiodeskription.

Waren es vor 40 Jahren enorm lange Dialogpausen und Musikbrücken, die blinde Menschen sozusagen aus der Handlung ausgeklinkt haben, sind es heute rasch aufeinander folgende Szenenwechsel, häufig ohne Dialoge, überfrachtet mit lauter Musik, die das Zuschnappen einer Tür oder das Klirren eines Löffels auf der Untertasse gnadenlos übertönen. So oder so dämpft das fehlende Wissen um wichtige nonverbale Details das Vergnügen an Film und Fernsehen. Oft genug ist es schwierig bis unmöglich, der Handlung zu folgen; das Interesse erlahmt.

Wirklich zu komisch?

Fast 20 Jahre später. Unser geplanter Tandemausflug ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Deshalb flüchten mein Kollege und ich ins nächstgelegene Kino. Wir hätten es schlimmer treffen können. Gezeigt wird eine bekannte Komödie. Welche? Keine Ahnung! Das habe ich erfolgreich verdrängt.

Als der erste kollektive Lacher aufbrandet, beugt sich mein Kollege zu mir und versucht den Grund zu erklären. Er kommt nicht weit, denn die Lacher verstummen wieder und mein Sitznachbar lässt ein scharfes "Sch" hören. Ich sitze also da und versuche aus den Dialogen zu entnehmen, was da denn gar so witzig ist. Als mein Kollege selbst in lautes Lachen ausbricht, kümmert er sich nicht weiter um ein eventuelles Zischen eines Nachbarn, sondern erklärt mir, was passiert ist. Und dann wird es wirklich komisch - nicht vorne auf der Leinwand, sondern im Saal. Mitten in die wieder eingekehrte Stille hinein lasse ich mich zu einem lautstarken Heiterkeitsausbruch hinreißen und will danach vor Peinlichkeit am liebsten im Boden versinken. (Humor ist, wenn man trotzdem lacht; heute finde ich es amüsant.)

Solche und ähnliche Erlebnisse waren wohl mit verantwortlich, dass ich keine sehr eifrige Kinogängerin bin. Interessant finde ich allerdings, dass ich ernsthaften Filmen immer viel leichter folgen kann als Komödien. Letztere leben eben sehr stark von der Situationskomik, die sich vorwiegend visuell mitteilt. Erstere bauen doch stärker auf Dialoge und bieten darum blinden Kinobesucher:innen eine bessere Basis, der Handlung zu folgen.


Ein Fisch geht ins Netz

2019. Bewaffnet mit meinem iPhone und einem Kopfhörer darf ich gemeinsam mit anderen Vertreter:innen unserer Selbsthilfeorganisation einer Filmpremiere beiwohnen - und das auf hervorragenden Plätzen! Zwischen den beiden extrem bequemen Stühlen ist eine großzügig bemessene Ablagefläche mit einer Vertiefung für den riesigen Sack Popcorn, der bei Kinobesuchen nicht fehlen darf.
Gespannt setze ich meine Kopfhörer auf und starte die App Greta. Schon zu Hause habe ich die Audiospur zum Film heruntergeladen. Das Mikrofon "lauscht" eine Weile dem Film, dann setzt die Stimme aus dem Off ein. In Dialogpausen wird erklärt, was sich in den Szenen abspielt. Wie schön, gemeinsam mit dem Rest des Saales lachen zu können. Und zu lachen gibt es in diesem Film einiges. Diesmal bleibt die Komik, wo sie hingehört: auf der Leinwand.

Noch ein paar Worte zu dem Film "Die Goldfische":

Es geht um eine Wohngemeinschaft von Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Da kann sich schon manche - unfreiwillig - komische Situation ergeben. Aus meiner Sicht wurde hier das Thema Behinderung allerdings mit sehr viel Respekt behandelt, sodass den Zuschauer:innen die Hemmungen großteils genommen werden, über die Situationskomik (mit)zulachen.
Eine der handelnden Personen ist übrigens blind, hervorragend dargestellt durch Birgit Minichmayr, die sich im Vorfeld bei Expert:innen unserer Selbsthilfeorganisation hinreichend informiert hatte.

Lebendige Szenerie

Ob nun im Kino mittels Audiospur auf dem Handy, im Theater oder Fußballstadion mit Live-Kommentar über Kopfhörer oder zu Hause vor dem Fernseher - Audiodeskription hat blinden Menschen eine vorwiegend visuell dominierte Welt völlig neu erschlossen. So entstehen vor allem bei Menschen, die früher sehen konnten, mehr oder weniger detaillierte Bilder im Kopf, weshalb Handlungsabläufe besser im Gedächtnis haften bleiben. Die Rechtsanwältin erhält plötzlich zu ihrer Stimme eine streng wirkende Frisur und flößt mit ihrem Designerkostüm und dem energischen Schritt Respekt ein. Da wird der blühende Kirschbaum zur idyllischen Kulisse oder die schwarzen Wolken kündigen das nahende Unwetter an.

Film und Fernsehen haben dank Audiodeskription für blinde Menschen eine ganz neue Qualität erhalten.

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