Portraits

„Cool, dass es den Blinden- und Sehbehindertenverband gibt!“
Egor Voloshin im Portrait
Egor stammt aus Dnipro, das ist nach Kiew, Charkiw und Odessa die viertgrößte Stadt des Landes und liegt im Osten der Ukraine. Der Junge ist fünfzehn Jahre alt, als er seine Heimat verlassen muss. Seine Mutter und er kommen zunächst in Niederösterreich unter, bald darauf übersiedeln die beiden nach Wien. Der Vater wird zwar nicht eingezogen, muss aber in der Ukraine bleiben. Die Familie hat zumindest regelmäßig telefonischen Kontakt. Auch alle anderen Verwandten sind in der Ukraine, nur Egors Oma kommt von Zeit zu Zeit zu Besuch nach Wien.
Egor, von Geburt an sehbehindert, besucht in Wien zunächst das Bundesblindeninstitut (BBI), lernt Deutsch und eignet sich blindenspezifische Fertigkeiten am Computer an. Er nimmt aber auch online am Unterricht in seiner Heimat teil und erlangt den ukrainischen Schulabschluss.
„Ich war in der Ukraine schon neun Jahre in der Schule, danach habe ich zwei Jahre online Unterricht gehabt. Bei uns sind es also elf Jahre bis zum Abschluss.”
Da dieser nicht gleichwertig mit der österreichischen Matura ist, muss Egor noch zwei Ergänzungsprüfungen ablegen, in Mathematik und in Deutsch. Dann ist der Weg frei für die Aufnahmsprüfung an der FH. Seit Herbst 2025 studiert der junge Ukrainer an der Fachhochschule BFI in Wien, an der Hochschule für Wirtschaft, Management und Finance. Und zwar das Fach Europäische Wirtschaft und Unternehmensführung.
Von Anfang an ist Egor fest entschlossen, Deutsch zu lernen. Konsequent und kreativ verfolgt er dieses Ziel. „Zuerst habe ich auf YouTube, auf diesem Online-Videoportal, für mich alleine gelernt. Der Deutschkurs bestand aus 50 Videos, die sehr gut gemacht waren.“ Bei seinen Bemühungen, die neue Sprache zu erlernen, wird er auch von einem österreichischen Studenten unterstützt. Außerdem besorgt er sich Bücher und macht regelmäßig Übungen, die die Deutschlehrerin am BBI überprüft. „Dann habe ich mit KI, mit Chat GPT weitergemacht. Also wenn ich Fragen zur Grammatik hatte, wenn ich Wörter übersetzen lassen wollte, habe ich die KI gefragt.” Um an der FH studieren zu können, muss man nachweisen, dass man die deutsche Sprache auf einem Niveau von C eins beherrscht. Um sich darauf vorzubereiten, besucht der junge Mann einen Kurs und schafft auch diese Hürde.

Einige Zeit nach seiner Ankunft in Wien nimmt Egor mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland (BSVWNB) und der Beruflichen Assistenz & Akademie BSV GmbH Kontakt auf.
“Ich habe viel Unterstützung vom Verband bekommen, wie ich für die Mathematik Ergänzungsprüfung gelernt habe, aber auch, wie ich mich auf die Aufnahmsprüfung für die FH vorbereitet habe. Außerdem wurde mir gezeigt, wie ich das Sprachausgabeprogramm am PC bedienen kann. Das alles war sehr hilfreich.”
Egor schätzt die Unterstützung des BSVWNB und der Beruflichen Assistenz sehr. Er hätte sonst die Aufnahmsprüfung für die FH vermutlich nicht geschafft, da die Unterlagen dafür nicht barrierefrei waren. Er hätte sich vermutlich weder eine Assistenz noch die abweichenden Prüfungsmethoden an der FH organisieren können. „Es ist cool, dass es den Blinden- und Sehbehindertenverband gibt! Schade, dass man im Studium keine Nachhilfe mehr bekommen kann, das geht nur bis zum Beginn des Studiums. Man braucht oft nicht viel, bloß ein paar Stunden im Semester. Oft geht es nur darum, barrierefreie Unterlagen zu bekommen. Ein Beispiel. Es ist schwierig für mich, wenn in der Vorlesung auf die Tafel geschrieben wird. Man muss zuhören, zuschauen, mitschreiben, das ist auch für die Assistenz nicht immer leicht. Und ich weiß beim Lernen oft nicht mehr genau, was die Lehrkraft gesagt hat.“
Der engagierte Student versucht sich selbst zu helfen. Er verwendet die KI, sucht auf YouTube nach einem Video, das seine Fragen beantworten könnte. Aber natürlich findet er nicht für alle Probleme, die sich im Studium auftun, eine Erklärung im Internet. „Am besten wäre eine Assistenz aus meinem Fachbereich. Wenn man das nicht selber studiert, ist es schwer, einen anderen zu unterstützen.“

Wirtschaftsfragen interessieren ihn schon lange. Das Studium gefällt ihm. „Es geht mir an der FH gut. Vieles kann ich alleine machen. Aber ich habe zum Glück auch eine Assistenz bekommen. Sie unterstützt mich bei einigen Lehrveranstaltungen, wo auf die Tafel geschrieben wird. Sie liest mir zuhause Foliensätze vor, also Präsentationen, die in den Vorlesungen verwendet werden. Schließlich ist sie auch bei den Prüfungen dabei, um mir alle Prüfungsaufgaben vorzulesen, damit ich nichts übersehe.“ An seiner FH funktioniere das Studium mit einer Sehbehinderung sehr gut.
„Ich habe bei den Prüfungen die doppelte Zeit zur Verfügung und alle Unterlagen werden mir in Großdruck gegeben. Ich sitze bei der Prüfung mit meiner Assistenz und einer Aufsichtsperson in einem anderen Raum. Einige Prüfungen, die online stattfinden, kann ich analog machen. Die Fragen werden für mich auf Papier ausgedruckt, denn ich schreibe mit einem dicken Filzstift, das kann ich noch lesen.“
Zehn Stunden pro Woche steht dem begabten und zielstrebigen Studenten eine Assistenz zur Verfügung. Er könnte mehr haben, aber die zehn Stunden würden ihm genügen. „In meinem ersten Studienjahr hatte ich Lehrveranstaltungen über Wirtschaftsstatistik, Buchhaltung, Betriebswirtschaftslehre, Ökonomie, Politikwissenschaften und wie die verschiedenen EU Organe aufgebaut sind und zusammenarbeiten.“ Zwei Personen stehen ihm abwechselnd als Assistenz zur Verfügung. Das ist eine herausfordernde Aufgabe. Wenn bei den Vorlesungen Formeln oder Gleichungen auf die Tafel geschrieben werden, müssen diese schnell und vor allem in der richtigen Reihenfolge notiert werden, denn sonst kennt sich Egor beim Lernen nicht mehr aus. Die Assistenz muss außerdem über sehr gute PC-Kenntnisse verfügen. „Es gab schon einmal einen Wechsel, das ist ein bisschen mühsam, denn jede Person ist anders und jede muss von mir auch „eingeschult“ werden. Wir haben unter anderem das Fach Business Analytics, wo man zwei Programme, Exel und Power BI, lernt und da ist es wichtig, dass sich die Assistenz am PC auskennt, denn bei den Lehrveranstaltungen wird alles sehr schnell erklärt und durchgearbeitet.“
Der junge Ukrainer hat eine Makuladystrophie, diese Netzhauterkrankung betrifft die Netzhautmitte, die Makula, die für das scharfe Sehen, Lesen und Erkennen von Farben verantwortlich ist. „Wege, die ich kenne, kann ich selber gehen. An Orte, wo ich noch nie war, werde ich begleitet, die Person zeigt mir den Weg und erklärt mir alles. Die FH ist nicht so groß und in jedem Stockwerk ist alles gleich angeordnet. Ich bin außerdem an der FH auch teilweise mit der Assistenz unterwegs.

Egor, der als Einzelkind aufwächst, besucht in seiner Heimatstadt eine private Schule mit sehr kleinen Klassen.
„Ich habe damals noch etwas besser gesehen und ein Vergrößerungsgerät benutzt. Das geht jetzt nicht mehr. Aber damals habe ich in der Schule sowieso meistens nur zugehört. Eine Assistenz hatte ich in der Ukraine nicht, so etwas gibt es dort nicht. Wenn etwas auf die Tafel geschrieben wurde, musste ich immer aufstehen und hingehen, um es lesen zu können.“
Egors Mutter, die in der Ukraine als Managerin in einem Pharmaunternehmen tätig war, versucht wie ihr Sohn, die deutsche Sprache möglichst schnell zu erlernen. Da sie ihren ursprünglichen Beruf hier nicht ausüben kann, macht sie eine Ausbildung zur medizinischen Verwaltungsassistentin und arbeitet inzwischen in einer Wiener Gruppenpraxis. Die Flucht führt Mutter und Sohn im Februar 2022 über Krakau nach Drasenhofen in Niederösterreich und schließlich nach Wien. Wie hat der damals 15-jährige diese Zeit erlebt? „Der Krieg in der Ukraine hat für uns im Osten bereits im Jahr 2014 begonnen. 2022 war die Situation natürlich noch viel dramatischer. Da wir aber bereits vier Tage nach der russischen Invasion das Land verlassen haben, war es nicht so beängstigend. Für mich war es ein bisschen wie ein Abenteuer, aber natürlich war es auch ziemlich schwierig. Wir mussten zuerst 21 Stunden mit dem Zug zur polnischen Grenze fahren. Der Zug war völlig überfüllt, Leute sind am Gang am Boden gesessen, haben in der Nacht auf dem Boden geschlafen. Wir haben zuerst gedacht, dass wir in ein paar Wochen zurückfahren können. Aber dann hat sich gezeigt, dass es anders ist. Deshalb sind wir von Krakau nach Österreich gefahren. Da war es immer noch unklar, wie es weitergehen wird.“ Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026 und es ist noch immer kein Ende des Krieges abzusehen.
Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in Drasenhofen übersiedeln Mutter und Sohn nach Wien. Eine Lehrerin empfiehlt ihnen, das BBI zu kontaktieren. Ab September 2022 besucht Egor das BBI. Aufgrund seiner bisherigen Ausbildung muss er nur in den Fächern Mathematik, Informatik, Englisch und Deutsch am Unterricht teilnehmen. In der übrigen Zeit ist er zwar in der Klasse mit dabei, „aber ich durfte Deutsch im Selbststudium lernen. Das finde ich gut. Im BBI konnte ich mir außerdem verschiedene blindenspezifische Fertigkeiten aneignen, die ich in der Ukraine noch nicht gelernt hatte. Das war super und sehr hilfreich.“

Ein Freund erzählt Egor von der Jugendgruppe des BSVWNB. Er nimmt gleich Kontakt auf und ist seither regelmäßig bei den Treffen dabei. „Die Jugendgruppe ist super, es gibt dort Workshops und wir machen Ausflüge. Wir haben die Firma Zotter besucht und viel Schokolade gekostet, das war cool. Im Feuerdorf im Prater waren wir auch. Man mietet eine Hütte und grillt am offenen Feuer, das hat mir besonders gut gefallen. Wir waren in der Fahrschule in St. Pölten, das war auch cool. Im Donaupark waren wir beim Bubble Soccer. Die Leute stecken dabei mit dem Oberkörper und dem Kopf in einer großen, durchsichtigen und mit Luft gefüllten Kunststoffkugel und spielen Fußball. Es gab außerdem Workshops, da haben wir Schokolade zubereitet, sowohl bei einer Konditorei als auch hier im Haus. Bei einem anderen ging es darum, wie man ein Start-up gründet. Bei einem der Workshops habe ich einen Burschen kennengelernt, wir haben uns angefreundet und unternehmen auch zu zweit öfters etwas.“
Bald nachdem Egor und seine Mutter von Drasenhofen nach Wien übersiedelt sind, macht der junge Ukrainer bei einem Buddy Programm mit. Menschen aus Österreich und der Ukraine nehmen daran teil, so soll es den Geflüchteten erleichtert werden, die Sprache zu erlernen und sich im neuen Land zurechtzufinden. Egors Buddy ist ein Student der TU Wien, der gerade mit seinem Doktoratsstudium begonnen hat. Die beiden treffen sich auf einen Kaffee oder machen Spaziergänge und unterhalten sich. Egor bittet den neuen Freund, dass er ihn korrigiert, wenn er beim Sprechen Fehler macht.
„Das war ganz wichtig, denn wenn man so wie ich mit YouTube oder einem Buch Deutsch lernt, muss man auch die Gelegenheit haben zu sprechen. Es gibt aber wenige, die bereit sind, ständig zu korrigieren. Sie wollen das aus verschiedenen Gründen nicht. Aber bei mir ist das Deutschlernen schneller gegangen, weil ich einen Freund hatte, der bereit war, mich zu korrigieren.“
Eineinhalb Jahre lang treffen sich die beiden regelmäßig, und zwar mehrmals pro Woche. „Wir sind sogar einmal für ein paar Tage gemeinsam nach Vorarlberg gefahren. Wir waren am Bodensee, das war super. Jetzt hat er sein Doktorat abgeschlossen und arbeitet weiterhin an der Uni. Wir treffen uns jetzt auch noch, aber nicht mehr so oft wie früher, ein paar Mal im Jahr, denn er hat sehr viel zu tun.“
Egor, der in Dnipro aufgewachsen ist, ist das Leben in der Stadt gewohnt. Aber wie hat er sich nach der Flucht mit Wien vertraut gemacht? „Ich habe über den BSVWNB ein Mobilitätstraining erhalten. Am BBI hatte ich einen Freund, der mir die Stadt gezeigt hat. Und der Student vom Buddy Programm hat mit mir in Wien auch verschiedene Sachen gemacht. Ich finde, mir ist es ziemlich gut gegangen, weil ich hier bald Leute kennengelernt habe und wir gemeinsam etwas unternommen haben, dadurch war Wien für mich nicht mehr so groß und unbekannt.“ In seiner Freizeit geht der engagierte Student gerne im Wienerwald wandern oder an der Alten Donau rudern. Mit der Bahn unternimmt er gelegentlich Tagesausflüge und erkundet Österreich. Wie es nach dem Studium weitergehen wird, weiß er noch nicht. Er hat immerhin noch einige Jahre Zeit. Was er aber hofft und sich wünscht, ist Frieden für sein Land.
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