Allgemeine Beschreibung
Die aktuelle Generation der Ray-Ban Meta Smart Glasses verbindet das klassische Design einer Ray-Ban-Brille mit Funktionen künstlicher Intelligenz (KI), einer integrierten Kamera, Mikrofonen und Lautsprechern. Die Brille ist als Erweiterung des Smartphones konzipiert und kann ausschließlich in Verbindung mit einem kompatiblen Smartphone und der Meta AI-App verwendet werden. Ohne Internetzugang stehen wesentliche Funktionen nicht zur Verfügung.
Zum Lieferumfang gehören die Brille sowie ein hochwertiges Lade-Etui, das gleichzeitig als mobile Powerbank dient und die Brille unterwegs mehrfach aufladen kann.
Die Brille ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich und kostet – je nach Modell und Gläsern – zwischen etwa 419 und 499 Euro. Varianten mit selbsttönenden (Transitions- [= intelligente, selbsttönende Brillengläser, die sich automatisch an veränderte Lichtverhältnisse anpassen]) Gläsern liegen im oberen Preisbereich. Individuelle optische Korrektionsgläser verursachen zusätzliche Kosten.
Für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen besonders interessant ist die integrierte Meta AI. Sie kann auf Sprachbefehl Fragen beantworten, Szenen beschreiben oder Informationen über die Umgebung liefern. Zusätzlich unterstützt die Brille mittlerweile zahlreiche Drittanbieter-Apps, wodurch sich ihr Funktionsumfang deutlich erweitert.
Technische Daten
- Preis: ca. 419–499 Euro (je nach Modell)
- Verbindung ausschließlich mit Smartphone über die Meta AI-App
- Integrierte Kamera für Fotos und Videos
- Offene Lautsprecher im Brillenbügel
- Mehrere Mikrofone für Sprachsteuerung und Telefonie
- Bedienung überwiegend über den rechten Brillenbügel
- Sprachsteuerung über „Hey Meta“
- Touch-Steuerung für Lautstärke und Medienwiedergabe
- Taste für Foto- und Videoaufnahme
- Lade-Etui mit integrierter Powerbank
- Akkulaufzeit bis etwa vier Stunden bei normaler Nutzung; bei intensiver KI-Nutzung entsprechend kürzer
- Bluetooth-Verbindung zu Smartphone und optional zu Bluetooth-Kopfhörern
- Unterstützung verschiedener Drittanbieter-Apps (u. a. Oorion, Be My Eyes, Scribe Me, PiccyBot)
Bedienung
Die Bedienung gelingt nach einer kurzen Eingewöhnungszeit weitgehend intuitiv. Die Bedienelemente befinden sich am rechten Brillenbügel. Über Tippen, Wischen oder längeres Berühren lassen sich Anrufe annehmen, Musik steuern oder die Meta AI starten.
Besonders praktisch ist die Sprachsteuerung. Nach dem Aktivierungsbefehl „Hey Meta“ können frei formulierte Fragen gestellt werden. Es müssen keine fest vorgegebenen Befehle verwendet werden. Beispielsweise kann gefragt werden:
- „Was befindet sich vor mir?“
- „Ist das Licht eingeschaltet?“
- „Welche Farbe hat dieses Kleidungsstück?“
- „Beschreibe den Raum.“
- „Suche eine freie Sitzbank.“
Dadurch wirkt die Bedienung natürlicher als bei vielen klassischen Vorlesegeräten. Für eine möglichst hilfreiche Szenenbeschreibung empfiehlt es sich, in den Einstellungen der Meta AI-App die Option „Detaillierte Antworten“ zu aktivieren. Dadurch fallen die Beschreibungen deutlich ausführlicher aus als in der Standardkonfiguration.
Szenenbeschreibung und KI
Die integrierte Meta AI liefert hilfreiche Beschreibungen der Umgebung. Größere Schilder, Plakate, Räume oder auffällige Gegenstände werden meist zuverlässig erkannt. Auch die Farberkennung funktioniert insgesamt sehr gut und erwies sich im Test teilweise sogar als zuverlässiger als bei der mobilen Applikation Microsoft Seeing AI.
Schwieriger wird es jedoch bei kleinen Texten. Briefe, Inhaltsstofflisten oder längere Dokumente lassen sich mit der Brillenkamera deutlich schlechter erfassen als mit der
Kamera eines Smartphones. Für komplexere OCR-Aufgaben bleibt daher ein klassisches Vorlesesystem meist die bessere Wahl.
Ein weiterer Punkt ist die Arbeitsweise der Meta AI: Sie analysiert jeweils nur die aktuell aufgenommene Szene ("One Shot"). Veränderungen in der Umgebung werden nicht automatisch verfolgt. Erkennt die Brille beispielsweise eine grüne Ampel, informiert sie nicht selbstständig darüber, wenn diese kurze Zeit später auf Rot wechselt. Auch Richtungsangaben (links/rechts) sind nicht immer zuverlässig.
Wie bei allen aktuellen KI-Systemen treten gelegentlich Fehleinschätzungen auf. Im Praxiseinsatz wurde beispielsweise eine Sitzbank erkannt, obwohl sich tatsächlich keine dort befand und sich die nutzende Person bei unkritischer Verwendung statt auf eine Bank auf ein Bahngleis zubewegt hätte. Ein blindes Vertrauen in die KI wäre daher gefährlich. Die Ausgaben sollten stets kritisch hinterfragt und mit den eigenen Orientierungstechniken (Blindenstock/Blindenführhund/Restsehvermögen) kombiniert werden.
Fotografieren
Für sehende Personen bzw. Personen mit Sehrest genügt ein kurzer Tastendruck, um ein Foto aufzunehmen. Für blinde Nutzerinnen und Nutzer gestaltet sich dies schwieriger. Da nicht exakt eingeschätzt werden kann, worauf die Kamera gerade ausgerichtet ist, hängt die Qualität der Aufnahme häufig von Erfahrung, Übung und teilweise auch vom Zufall ab.
Dieser Umstand beeinflusst direkt die Qualität der anschließenden KI-Beschreibung.
Kommunikation
Ein großer Pluspunkt ist die Integration in das Smartphone. Telefonieren, Musikhören oder Podcasts funktionieren problemlos über die integrierten Lautsprecher, die den Schall gezielt in Richtung Ohr abstrahlen und dadurch vergleichsweise diskret arbeiten.
Besonders interessant ist die Anbindung an WhatsApp. Während eines Videoanrufs (bei dem einer angerufenen, sehenden Person eine Frage gestellt wird) kann die Kameraperspektive vom Smartphone auf die Brille umgeschaltet werden. Dadurch sieht die unterstützende Person exakt das Sichtfeld der Brille und kann wesentlich gezielter Hilfestellung geben.
Auch Fotos oder Sprachnachrichten können unmittelbar aufgenommen und versendet werden.
Drittanbieter-Apps
Ein großer Fortschritt gegenüber den ersten Softwareversionen besteht darin, dass Meta die Brille inzwischen für Drittanbieter geöffnet hat.
Besonders hervorzuheben ist die kostenlose App Oorion. Sie erweitert die Möglichkeiten der Brille erheblich:
- kontinuierliche Textauslesung in der Umgebung
- Erkennung von Objekten
- gezielte Suche nach bestimmten Gegenständen (z. B. Sitzbank, Briefkasten oder Eingang)
- Beschreibung gefundener Objekte
- Hinderniserkennung
- Ampelerkennung
- Orientierungshilfe zum gefundenen Objekt
- Oorion arbeitet dabei nicht mit einer permanenten Videoanalyse, sondern erstellt fortlaufend Einzelbilder, die ausgewertet werden.
- Weitere interessante Anwendungen sind:
- Be My Eyes zur Verbindung mit sehenden Helferinnen und Helfern
- Scribe Me, das nicht barrierefreie Dokumente in bearbeitbare Word-Dateien umwandeln kann
- PiccyBot (Beta) für Bild- und Videobeschreibungen
Praktischer Nutzen im Alltag
Die größte Stärke der Ray-Ban Meta liegt eindeutig in ihrer Handfreiheit. Gerade blinde Menschen nutzen häufig bereits einen Langstock oder einen Blindenführhund. Das Smartphone zusätzlich in der Hand halten zu müssen, ist im Alltag oft unpraktisch. Die Brille ermöglicht es, Informationen über die Umgebung zu erhalten, ohne ständig das Smartphone aus der Tasche nehmen zu müssen. Besonders bei der Orientierung im öffentlichen Raum ist dies ein deutlicher Komfortgewinn. Dennoch ersetzt sie weder klassische Orientierungstechniken noch spezialisierte Vorlesegeräte. Für längere Texte oder sehr kleine Beschriftungen bleiben die speziell für diesen Zweck entwickelten Vorlesesysteme überlegen.
Fazit
Die Ray-Ban Meta Smart Glasses gehören derzeit zu den spannendsten Entwicklungen im Bereich KI-gestützter Assistenzsysteme für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen. Ihre größte Stärke liegt nicht in einer einzelnen Funktion, sondern in der Kombination aus Kamera, Sprachsteuerung, künstlicher Intelligenz und der Möglichkeit, zahlreiche Apps einzubinden.
Besonders überzeugen die freihändige Nutzung, die gute Farberkennung, die einfache Kommunikation über WhatsApp und die Erweiterbarkeit durch Anwendungen wie Oorion oder Be My Eyes. Dadurch wird die Brille zu einem vielseitigen Alltagsbegleiter, der Orientierung, Objektsuche und Umgebungsinformationen deutlich erleichtern kann.
Dennoch besitzt das System klare Grenzen. Kleine Texte werden nur eingeschränkt erkannt, die KI liefert gelegentlich fehlerhafte oder unvollständige Informationen und Veränderungen der Umgebung werden nicht kontinuierlich verfolgt. Deshalb darf die Brille niemals als sicherheitsrelevantes Orientierungssystem verstanden werden.
Im Vergleich zur OrCam bietet die Ray-Ban Meta deutlich mehr Flexibilität und ein wesentlich offeneres System mit zahlreichen Erweiterungsmöglichkeiten. Die OrCam punktet hingegen durch ihre Offline-Funktionalität. Gegenüber klassischen Vorleselösungen wie dem VoxiVision zeigt sich, dass die Ray-Ban Meta weniger als Dokumentenlesegerät geeignet ist, dafür jedoch wesentlich mehr Möglichkeiten zur mobilen Umgebungswahrnehmung, Orientierung und Kommunikation bietet. Da Meta die Software laufend weiterentwickelt und regelmäßig neue Funktionen ergänzt, ist davon auszugehen, dass sich die Einsatzmöglichkeiten in den kommenden Jahren weiter verbessern werden.
Die Ray-Ban Meta Smart Glasses ersetzen keine klassischen Hilfsmittel, stellen aber eine äußerst sinnvolle Ergänzung dar und bieten insbesondere durch ihre freihändige Nutzung einen erheblichen Mehrwert im Alltag und in der räumlichen Orientierung.
Das Gerät wurde als Leihgabe von einem Hilfsmittelausstatter bereitgestellt. Der Test wurde freiwillig und ohne finanzielle Zuwendung durchgeführt.


