Portraits

Von Somalia in die Lehre in Österreich
Ein Portrait
Wer der jungen Frau heute gegenübersitzt, spürt sofort: Das ist eine Person, die ihr Schicksal mit ungeheurer Willenskraft und einer beeindruckenden positiven Einstellung in die Hand nimmt. Ihre Reise ist ein Beispiel für die Kraft der Eigenmotivation, aber auch dafür, was gezielte Unterstützung und Spendenfinanzierungen bewirken können.
Ihre Ankunft in Österreich im Jahr 2017 war geprägt von vielen Unsicherheiten: „Die großen Herausforderungen waren natürlich, in ein neues Land zu kommen, die Sprache zu erlernen, die Kultur kennen zu lernen, aber auch zu verstehen, wie die Gesellschaft hier funktioniert“, erzählt Frau Ali. Hinzu kam ein gesundheitlicher Rückschlag. „Seit fünf Jahren bin ich sehbehindert. Ein Tumor hat meinen Sehnerven geschadet, das war sehr schwer für mich. Ich musste vieles neu erlernen. Zum Beispiel wie ich mich auf der Straße bewege oder einkaufen gehe.“
Systematische und weitreichende Unterstützungsleistungen bieten Hilfe auf dem Lebensweg
Über die Organisation Diakonie Flüchtlingsdienst kam der Kontakt mit Frau Bianca Rabanser, Mitarbeiterin der Beruflichen Assistenz & Akademie BSV GmbH (BAABSV), zustande. Nach einer Erhebung war schnell klar, dass eine Ausbildung der Schlüssel für ihre Zukunft in Österreich sein würde. In Somalia hatte sie nur eine geringe Grundbildung genossen. Der Prozess begann mit einem maßgeschneiderten Unterstützungspaket: Einmal pro Woche Orientierungs- und Mobilitätstraining (O&M), um sich im Alltag zurechtzufinden, und einen über die Aus- und Weiterbildungsassistenz organisierten Deutschkurs, der von einem externen Deutschinstitut im Louis Braille Haus durchgeführt wurde. Zusätzlich erfolgte eine Bedarfsanalyse sowie in weiterer Folge, mittels der Technikassistenz für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderungen, die Beantragung und Bewilligung eines Bildschirmlesegerätes mit Vorlesefunktion für die private Nutzung durch Mittel des Fonds Soziales Wien, das für sie unverzichtbar geworden ist. Zudem organisierte die Aus- und Weiterbildungsassistenz eine Einzelschulung mit mehreren Einheiten zu den Themen Hilfsmittelnutzung und dem Erlernen des 10-Finger-Systems.
„Vieles hat sich verändert“, sagt Frau Ali über die Hilfsmittel. „Wenn ich versuche etwas zu lesen bzw. mich sehr anstrenge, passiert es sehr oft, dass ich starke Kopfschmerzen bekomme. Mit dem Lesegerät kann ich beispielsweise den Hintergrund verändern oder die Schrift vergrößern, und das hilft mir sehr.“ Für den Fall, dass die Kopfschmerzen dennoch auftreten, nutzt sie die Vorlesefunktion: „Das hilft echt sehr.“

Damit Frau Ali auch selbstständig proaktiv ihren Lebenslauf und ihre Bewerbungsunterlagen erstellen, bearbeiten und versenden kann, sowie um mit den zahlreichen Firmen in Kontakt zu treten und bei allfälligen Bewerbungsgesprächen eine Orientierungshilfe zur Hand zu haben, wurde ihr durch Mittel der COFRA Foundation ein Laptop und ein Smartphone zur Verfügung gestellt.
Parallel dazu besuchte Frau Ali weitere Deutschkurse für benötigte Zertifizierungen. Im zweiten Schritt stand das Thema Beruf und Ausbildung im Mittelpunkt. Für den Pflichtschulabschluss wurde der Schulweg mittels O&M-Training erarbeitet und Lernunterlagen durch die Medienassistenz der Aus- und Weiterbildungsassistenz barrierearm aufbereitet. Gemeinsam mit der Arbeitsassistenz wurden Bewerbungen für den Bürobereich und den Lebensmitteleinzelhandel geschrieben und versandt – zunächst ohne Erfolg. Eine Idee von Frau Rabanser brachte die Wende: Ein Arbeitstraining bei dem Verein Humanisierte Arbeitsstätte, einem sozialen Dienstleistungsunternehmen, in einer Saftbar (Saftbar – Mentorix). Im weiteren Verlauf des Arbeitstrainings bot man der jungen Frau eine Lehrstelle an, doch im letzten Moment platzte die Finanzierung – ein herber Rückschlag, wie er im Alltag der Arbeitsassistenz leider öfters vorkommt.
Der Wille zählt
Doch Frau Ali gab nicht auf. Ihr Antrieb ist tief in ihr verwurzelt: „Meine Motivation ist es, meine Sachen selbstständig tun zu können.“ Dieser eigene Wille war auch für David Föttinger, der die Betreuung von Frau Ali übernahm, der entscheidende Faktor. „Als Fachkraft gesehen, ist es natürlich ein sehr schöner Fall, weil eben dieser Wille da ist, die Eigenmotivation und Frau Ali total dabei ist und selbst Schritte setzen kann. Sie ist eine Person, die eigene Ideen hat, stark, emanzipiert und selbstständig ist.“
Horst Fromm vom Projekt Mentorix setzte sich nach der abgesagten Finanzierung weiter für Frau Ali ein und fand schließlich eine Lehrstelle im Einzelhandel. Am 1. September 2025 begann sie ihre verlängerte Lehre. Ihr nächstes großes Ziel ist klar: „An erster Stelle steht der positive Lehrabschluss.“
Zurzeit läuft über die Technische Arbeitsassistenz ein Antrag auf Zuschuss zur barrierefreien Arbeitsplatzadaptierung für Menschen mit Behinderungen beim Sozialministeriumservice Wien, damit Frau Ali auch auf ihrer Arbeitsstätte optimal mit den benötigten technischen Hilfsmitteln ausgestattet wird.
Botschaft an die Gesellschaft, an Betroffene und an sich selbst
Was wünscht sie sich von der Gesellschaft? Mehr Rücksicht im öffentlichen Raum und vor allem barrierefreie Webseiten. Ihre wichtigste Botschaft aber richtet sich an Menschen in ähnlichen Situationen: „Was mir geholfen hat ist, dass ich akzeptiert habe, was mir passiert ist. Einfach immer weitermachen. Ich versuche immer irgendwelche Lösungen zu finden. Ich will leben und das Leben genießen.“
Ihr Plan für die Zeit nach der Lehre? „Ich werde versuchen, so viel wie möglich am neuen Arbeitsplatz zu lernen. Im Anschluss möchte ich das Reisen allein erlernen.“ Sie lacht. „Ich plane viel!“ Bei Frau Ali ist man überzeugt, dass sie diese Pläne auch in die Tat umsetzen wird.
Abschließende Worte? „Ich möchte mich bei der COFRA Foundation bedanken, mit deren Spende die technischen Hilfsmittel wie Handy und Laptop finanziert werden konnten, und bei allen, die mir auf meinem Weg geholfen haben.“
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