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„Solange es Leben gibt, gibt es Veränderung.“
Susanne Buchner-Sabathy im Interview
Frau Dr. Buchner-Sabathy, seit Herbst 2024 sind Sie in der Steiermark im Hospizverein tätig. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich entschlossen haben, ehrenamtlich Hospizarbeit zu machen?
Mein Schwiegervater hatte Parkinson, mit Mitte siebzig war die Krankheit bei ihm bereits weit fortgeschritten. Er wurde zunächst mehrere Jahre daheim betreut, doch als dies nicht mehr möglich war, kam er in ein Pflegeheim in Hartberg, wo er sehr gut versorgt wurde. Mein Mann und ich hatten ihm aber versichert, dass wir ihn weiterhin intensiv unterstützen und begleiten würden. Da dies bei meinem Mann aus beruflichen Gründen nicht in diesem Ausmaß möglich war, habe ich mich entschieden, mich verstärkt einzubringen. Ich war drei bis vier Mal pro Woche bei ihm und wir haben den Großteil des Tages zusammen verbracht. Das ist über eineinhalb Jahre gegangen. Ich bin Übersetzerin, ich kann an meinem Laptop überall arbeiten. Mein Schwiegervater hatte ein Einzelzimmer und wenn er geschlafen oder gedöst hat, habe ich an meinen Übersetzungen gearbeitet. Wenn er wach und interessiert war, haben wir uns miteinander beschäftigt. Wir haben viel Musik gehört. Er konnte kaum noch sprechen, sich kaum noch bewegen, man musste ihm beim Essen und Trinken assistieren. Wenn ich mir das vorher ausgemalt hätte, hätte ich mich vor dieser Situation gefürchtet. Ich hätte mir wahrscheinlich gedacht, dass ich damit gar nicht in Berührung kommen möchte. Ich habe aber die überraschende Erfahrung gemacht, dass unsere Beziehung inniger geworden ist, dass sich zwischen uns eine späte Freundschaft entwickelt hat. Es war für mich erstaunlich zu erleben, dass es für einen Menschen, der gesundheitlich sehr stark eingeschränkt ist, dennoch Leichtigkeit, Offenheit und neue Lebensmöglichkeiten geben kann.
Bedeutet dies, dass auch am Ende des Lebens noch sehr viel Leben und Lebendigkeit möglich ist?
In den letzten Monaten seines Lebens war klar, dass der Tod sehr nahe ist und trotzdem war es meinem Schwiegervater möglich, Freude an der Musik oder an unserer vertrauensvollen Beziehung zu erleben. Das war für mich eine berührende Erfahrung. Ich habe auch erlebt, dass ich keine Angst davor haben muss, einem schwerkranken, einem sterbenden Menschen zu begegnen, sondern dass das für mich etwas Wertvolles ist, in so einer Situation für einen Menschen da zu sein. Damals ist der Gedanke aufgetaucht, dass ich eine Ausbildung zur Hospizbegleitung machen möchte.
Frau Dr. Buchner-Sabathy, Sie leben und arbeiten in Wien und in Kaindorf in der Steiermark. Haben Sie diese Idee gleich in die Tat umgesetzt? Haben Sie nach dem Tod Ihres Schwiegervaters sofort mit der Ausbildung begonnen?
Nein, so war es nicht. Ich habe mich lange gefragt, ob es das Richtige für mich ist, ob ich es schaffe und wie es für mich als blinde Person sein würde, fremde Menschen in der letzten Phase ihres Lebens zu begleiten. Davon habe ich auch einer Freundin erzählt, die schon lange in der Hospizbewegung tätig ist. Als sie mir eines Tages geschrieben hat, dass in Gleisdorf in der Steiermark bald eine neue Ausbildung beginnen würde, habe ich mich entschieden, am Einführungsseminar teilzunehmen.
So ein Einführungsseminar dient den Interessierten dazu, zu schauen, ob man die Ausbildung und Tätigkeit der Hospizbegleitung tatsächlich machen will. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Es war für mich schnell klar, dass ich die Ausbildung machen möchte. Ich hatte eine tolle Ausbildungsgruppe und hervorragende Referent:innen, es war eine sehr gute Erfahrung.
Wie haben andere, wie haben Freund:innen, Bekannte, Familienmitglieder reagiert, als Sie davon erzählt haben?
Die Begegnung mit einem schwerkranken oder sterbenden Menschen ist in unserer Gesellschaft noch immer stark tabuisiert. So eine Begegnung kann Ängste auslösen, sie konfrontiert uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit, mit Leid und der Unausweichlichkeit des Todes. Da fühlt man sich schnell überfordert. Ich höre oft, wenn ich von dieser Arbeit erzähle, dass Leute sagen: „Das könnte ich nie machen.“ Das sind aber Menschen, die eine Familie haben, die für Kinder gesorgt haben und die so etwas bestimmt tun könnten. Bereits damals als ich meinen Schwiegervater begleitet habe, ist mir aufgefallen, dass viele nichts davon hören wollen, dass sie mit dem Thema Krankheit, Abhängigkeit und Tod nichts zu tun haben wollen.

Hospizbegleitung kann an unterschiedlichen Orten stattfinden. Man besucht eine Person, die zuhause lebt. Man geht zu jemandem, der in einem Pflegeheim wohnt, auf einer Palliativstation oder in einem Hospiz untergebracht ist. Wo sind Sie tätig?
Am Ende der Ausbildung macht man ein Praktikum mit Supervision. Mein Praktikum habe ich im Hospiz St. Elisabeth im Krankenhaus der Elisabethinen in Graz gemacht, außerdem noch einige Stunden auf der Palliativstation im Krankenhaus in Fürstenfeld. Ich besuche vor allem Menschen in einem Pflegeheim. Alle sechs Wochen bin ich noch auf der Palliativstation in Fürstenfeld tätig. Es gibt dort mehrere Zimmer, man fragt die zuständige Pflegekraft wen man besuchen darf. Dann klopft man bei dem Zimmer an, geht hinein und stellt sich vor. Das war am Anfang schwierig für mich. Ich habe mich gefragt, ob die Person meinen Besuch überhaupt haben möchte, schließlich kennt sie mich gar nicht, auch wenn sie weiß, dass jemand vom Hospizverein vorbeikommen wird. Aber die Reaktion ist fast immer sehr positiv. Auch die Reaktion der Angehörigen. Sie sind in gewisser Hinsicht oft noch bedürftiger als die kranken oder sterbenden Menschen, die dort untergebracht sind.
Wie meinen Sie das? Können Sie ein Beispiel nennen?
Einmal war es so, dass eine sterbende Frau Besuch von ihrer Tochter hatte. Die Pflegekraft hat gesagt, ich soll fragen, ob ich mich dazusetzen dürfe. Ich hatte zuerst Scheu, aber die Tochter war sehr erleichtert, dass sie nicht allein bei ihrer Mutter war. Dadurch, dass das Sterben so tabuisiert ist, weiß man wenig über den Prozess und die Symptome. Es ist wichtig, darüber zu reden. Es kann sein, dass man in dieser Phase Ängste, Unruhe oder andere Beschwerden hat, aber diese kann man lindern. Es entlastet die Angehörigen, wenn darüber gesprochen wird. Ein Beispiel. Im Prozess des Sterbens kann die sogenannte Rasselatmung auftreten. Wenn man das hört, klingt das erschreckend, es klingt, als würde jemand um Luft ringen. Das ist aber nicht der Fall. Ein Schleimpfropfen wird auf- und abgeschoben, aber er behindert die Atmung nicht. Das habe ich der Tochter dieser sterbenden Frau gesagt. Ich kann ihr noch sagen: „Schauen Sie ins Gesicht ihrer Mutter, wirkt es angespannt?“ Dann bemerkt die Tochter, dass ihre Mutter ruhig und entspannt daliegt. Das ist entlastend.
Sie haben von einer Frau erzählt, die auf Sie zunächst sehr verschlossen und abweisend reagiert hat.
Ich habe mich an ihr Bett gesetzt, habe in mich hineingespürt und zu ihr gesagt, dass mir vorkommt, dass sie gerade große Sorgen habe. Sie hat das bejaht und es hat sich herausgestellt, dass sie von der Palliativstation entlassen und zuhause betreut werden sollte. Das hat ihr Angst gemacht, denn sie hat erlebt, wie ihre Großmutter daheim qualvoll gestorben ist. Ich habe ihr erzählt, dass die Schmerzbehandlung heute viel besser ist als damals. Wie ich am nächsten Tag zu ihr gekommen bin, war die Betreuung zuhause bereits besprochen. Bei meinem Besuch am dritten Tag hat sie mir vom Tod ihres einzigen Kindes erzählt, wie es passiert ist, wie sie davon erfahren hat. Als sie davon erzählte, gab es einen Moment, wo ich das Gefühl hatte, ich stürze ins Leere, ich falle ins Nichts. Ich habe das ausgesprochen und sie hat erwidert, genau dies habe sie damals gespürt. Wir wussten beide, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Beim Verabschieden hat sie gesagt, dass sie sich ganz besonders dafür bedanken möchte, dass ich diese Leere gespürt habe. Das sind Begegnungen, die aus der Zeit genommen sind. Du kommst zu einer fremden Person, lernst sie kennen, verbringst eine sehr begrenzte Zeit mit ihr und dennoch kann sich etwas verändern, kann noch etwas gelöst werden. Mir vermittelt diese Hospizarbeit, dass es nie zu spät ist. Solange es Leben gibt, gibt es Veränderung.
Wer im Hospizverein tätig sein möchte, muss zuerst, wie gesagt, eine Ausbildung machen. Es geht dabei um Selbsterfahrung und Selbstreflexion, um die eigenen Emotionen im Zusammenhang mit Krankheit, Endlichkeit und Tod, um Medizinethik und Palliativmedizin, um einige Bereiche zu nennen. Hat Sie die Frage sehr beschäftigt, wie es Ihnen als blinde Person in der Gruppe und vor allem bei der praktischen Hospizarbeit gehen wird?
Das war für mich ein großes Thema, bevor ich die Ausbildung begonnen habe und auch noch am Anfang der Ausbildung. Ich habe mich gefragt, ob ich als blinde Person das überhaupt machen kann. Da ich nicht sehe, entgehen mir Informationen. Wenn ich in ein Zimmer komme, komme ich mit meinem Taststock herein und spreche es an. Ich stelle mich vor und sage: „Sie sehen, ich habe einen Taststock, ich bin leider blind, ich kann Sie nicht sehen. Wenn Ihnen die Augen zufallen, wenn Sie schlafen wollen, bemerke ich das nicht. Bitte sagen Sie es mir, dann gehe ich und komme ein anderes Mal.“ Ich bin es aber gewohnt, Stimmungen ohne visuelle Eindrücke zu erfassen. Ich achte darauf, wie die Stimme klingt und wie sich die Atmung anhört. Ich lasse mir Zeit, setze mich hin, warte und nehme wahr, was ich spüre. Ich habe gelernt, darauf zu vertrauen, was ich spüre. Ich habe gar nicht damit gerechnet, aber die Blindheit kann auch ein Türöffner sein, weil die Menschen sehen, dass auch ich in meinem Leben mit einer sehr schwierigen Situation konfrontiert war. Das ermöglicht ihnen manchmal von dem zu reden, womit sie konfrontiert sind.
Auch für meinen Ausbildner war es eine Herausforderung. Er hat mir am Ende der Ausbildung gesagt, er sei sehr verunsichert gewesen, wie er gehört hatte, dass bei diesem Kurs eine blinde Teilnehmerin dabei sein werde. Er habe sich gefragt, ob er das könne, ob er das richtig machen würde. Aber dann habe er die Erfahrung gemacht, dass ich ohnehin sage, was ich brauche und es gar kein Problem gewesen sei, eine blinde Person im Kurs zu haben. Ich finde, blinde Menschen sollten zu allen verschiedenen Gruppen und Institutionen Zugang haben, das ermöglicht anderen, Umgang mit uns zu haben.
Wie wird das Angebot des Hospizvereins angenommen? Es ist kostenlos und vielfach verfügbar.
Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Menschen diese Hospizbegleitung erst sehr, sehr spät, erst knapp vor dem Tod annehmen. Es wäre schön, wenn sie es früher täten. Dann könnte man zum Beispiel Biografiearbeit machen, dann gäbe es mehr Möglichkeiten, ungelöste Probleme zu lösen. Mir ist aufgefallen, dass das Angebot oft nicht angenommen wird, weil viele denken, wenn die Hospizbegleiterin kommt, kommt der Tod. Ich möchte dazu ermutigen, dieses Angebot frühzeitig anzunehmen, das gilt sowohl für die betroffenen Personen als auch für die Angehörigen. Es ist oft so, dass Ehepartner:innen oder Kinder in so einer Situation Unterstützung bräuchten und es gibt diese Unterstützung. Es gibt Menschen, die dafür ausgebildet sind, die bereit sind, ihre Zeit zu schenken. Ich habe bei der Hospizbegleitung die Erfahrung gemacht, wie viel Leben und wie viele Möglichkeiten es auch noch unter sehr eingeschränkten Umständen gibt. Und dass die Konfrontation mit der Endlichkeit und dem Tod dies nicht behindert, sondern in gewisser Weise fördert. Es kann sich etwas verändern, solange es Leben gibt.
Danke für das Gespräch.
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